Sonntag, 8. September 2013

Strom und Energie Trading von Selzer-McKenzie SelMcKenzie


Strom und Energie Trading von Selzer-McKenzie SelMcKenzie
Author D.Selzer-McKenzie







Der deutsche Strommarkt ist im Umbruch: Nach der Liberalisierung des Markts Ende der Neunzigerjahre erzwingen heute die ehrgeizigen Ziele der Energiewende den schnellen Wandel. Doch während der forcierte Ausbau der erneuerbaren Energien den Endverbraucherpreis auf neue Rekordstände treibt, sind die Groß-handelspreise auf Talfahrt gegangen. Wir schauen uns im Folgenden das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage an der Strombörse genauer an und erklären, warum eine Erholung der Kohlepreise und ein Anstieg der CO2-Preise den Abwärtstrend der börsengehandelten Strompreise zumindest kurzfristig bremsen könnten.
Strom steht im Zentrum der Energiewen-de. Im Fokus der öffentlichen Diskussion standen dabei zuletzt vor allem die stei-genden Verbraucherpreise, die sich infol¬ge der immer höheren Umlagen für die erneuerbaren Energien ergeben (Gra¬fik 1). Wir wollen uns aber im Folgenden nicht in die lange Reihe derjenigen ein¬reihen, welche die Chancen und Risiken dieser Energiewende analysieren und bewerten. Vielmehr gilt unser Interesse dem Teil des Markts, der heute nach der Liberalisierung Ende der Neunzigerjahre zumindest auf den ersten Blick den Prin-zipien eines freien Markts folgt: dem Zu-sammenspiel von Angebot und Nachfrage an den Strombörsen. Im Folgenden wollen wir schauen, welche Faktoren heute die Preisbildung an den Großhandelsmärkten bestimmen. Dazu werfen wir zunächst einen Blick auf die Struktur von Angebot und Nachfrage, um dann die wichtigsten Preisdeterminanten zu betrachten und deren Einfluss auf die künftige Preisent¬wicklung abzuleiten.
Beginnen wir mit der Nachfrage, deren auffälligstes Merkmal die starken Schwan¬kungen sind. Der sogenannte Lastverlauf hängt zum einen von der Tageszeit und
Grafik 1: Steuern und Abgaben treiben Strompreis für private Haushalte
in Cent je kWh bei einem Jahresverbrauch von 3.500 kWh 30
25
20
115°5 11111111111111
2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013
        KWK-Aufschlag" • EEG-Umlage
        Stromsteuer      • Konzessionsabgabe
        Mehrwertsteuer         Erzeugung, Transport, Vertrieb
*ab 2011 inkl. §19-Umlage und Offshore-Haftungsumlage

zum anderen von der Jahreszeit ab. Das stellt die Produzenten insofern vor große Herausforderungen, als die Ware Strom nur sehr begrenzt speicherbar ist. Darü¬ber hinaus ist die Nachfrage zyklisch: In Deutschland entfällt fast die Hälfte der Nettonachfrage (ohne Eigenverbrauch der Stromerzeuger) auf die Industrie (46 Pro¬zent), weshalb die Stromnachfrage im Konjunkturverlauf, wenngleich unterpro-portional, schwankt. Auf Preisschwankun¬gen reagiert die Nachfrage dagegen kurz¬fristig kaum. Langfristig führt ein dauer¬hafter Strompreisanstieg aber sowohl bei den privaten Haushalten als auch in der Industrie zu einem Anpassungsverhalten. Laut einer Auswertung des Sachverstän-digenrats wird die Preiselastizität in der Industrie auf -0,6 geschätzt. Das bedeu-tet, ein Anstieg des Strompreises um 1 Prozent führt ceteris paribus zu einem Rückgang der Nachfrage um 0,6 Prozent.
Stromverbrauch unter zyklischen Schwankungen gewachsen
Im langfristigen Trend seit 1990 ist der Stromverbrauch in Deutschland leicht gestiegen. Der Bruttostromverbrauch (inklusive des Eigenverbrauchs der Erzeuger) lag im vergangenen Jahr laut
Grafik 2: Stromnachfrage im langfristigen Trend steigend trotz fallender Stromintensität
indexiert 1990 = 100 Mrd. kWh
120   640
110   620
100   600
         580
90    
         560
80     540
70     520
60     500
1990 1995 2000 2005 2010
        pro Kopf (links)         Bruttostromverbrauch (rechts)
        je BIP-Einheit (links)

der AG Energiebilanzen, einem Zusam-menschluss von Verbänden und For-schungsinstituten der Energiewirtschaft, bei knapp 600 Milliarden Kilowattstunden, 44 Milliarden Kilowattstunden höher als 1990 (Grafik 2). Vor allem die steigenden Einkommen, aber auch eine bis 2005 leicht gewachsene Bevölkerung wirkten verbrauchssteigernd und überkompen-sierten damit den Effekt einer gestiegenen Stromproduktivität (Einheit reales BIP je Stromverbrauch). Letztere ist seit 1990 im Durchschnitt um 1 Prozent p.a. gestiegen, wobei in den letzten zwei Jahren mehr als doppelt so hohe Effizienzfortschritte zu verzeichnen waren.
Der Vormarsch der erneuerbaren Energien infolge der ehrgeizigen Pläne der Bundesregierung ist rasant
Auf der Angebotsseite sind die tragenden Säulen in Deutschland noch immer die fossilen Energieträger, die über die Hälfte der Stromerzeugung ausmachen, sowie die Kernkraft mit weiteren knapp 16 Pro¬zent der Stromerzeugung (Grafik 3). Aller¬dings ist der Vormarsch der erneuerbaren Energien infolge der ehrgeizigen Pläne der Bundesregierung rasant. Im ver¬gangenen Jahr stemmten sie bereits22,6 Prozent der Bruttostromerzeugung. Den größten Anteil leistet die Windkraft mit 8,1 Prozent. Aber auch die Bedeutung der Photovoltaik ist rasant gestiegen: Im vergangenen Jahr lag deren Anteil bei 4,2 Prozent. Treiber dieser Entwicklung ist das seit dem Jahr 2000 geltende Er¬neuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das zum einen Netzbetreiber verpflichtet, Strom aus erneuerbaren Energien vor¬rangig einzuspeisen, und zum anderen Anlagenbetreibern auf 20 Jahre einen Mindestpreis garantiert. Vor allem bei der Photovoltaik zog dies einen Ausbauboom nach sich, welche infolgedessen im ver¬gangenen Jahr knapp 40 Prozent der installierten Leistung der Regenerativ-anlagen ausmachte. Zugleich lieferte diese Technologie aber nur knapp ein Fünftel des gesamten EEG-Stroms.
Merit-Order-Effekt der erneuerbaren Energien drückt Großhandelspreis und lässt die EEG-Umlage steigen Grundsätzlich hat jede Kraftwerkstech-nologie ihre eigene Kostenstruktur. Die »Merit-Order« gibt die Einsatzreihenfolge an, in welcher die Kraftwerke herangezo-gen werden, den Strombedarf zu decken. Schematisch bestimmt sich der Preis entsprechend den Grenzkosten der zuletzt eingesetzten Technologie (siehe Grafik Merit-Order Seite 37). Bezogen auf die variablen Kosten ist die Atomkraft die günstigste (konventionelle) Technologie, die kaum noch existierenden Ölkraftwerke sind dagegen die teuersten. Gasturbinen und (Pump-)Speicherkraftwerke werden
Grafik 4: Strompreise an der EEX —je kurzfristiger, desto volatiler
Grundlast, Euro je MWh 907

zum Ausregeln von Lastschwankungen eingesetzt und entsprechend als Spitzen-lastkraftwerke bezeichnet. Steinkohle-kraftwerke nehmen aufgrund ihrer mittel-hohen variablen Kosten und ihrer mittel-großen Flexibilität eine Zwischenstellung ein. Viele erneuerbare Energien haben variable Kosten von nahezu null. Mit anderen Worten, in Stunden mit hoher Einspeisung an erneuerbaren Energien sind Kraftwerke mit niedrigeren variablen Kosten preissetzend, sodass bei gleicher Handelsmenge ein niedrigerer Preis resul-tiert (»Merit-Order-Effekt«). Die Produzen¬tenrente der konventionellen Kraftwerks¬betreiber sinkt entsprechend. Mit den niedrigen Preisen sinken auch die Ver¬marktungserlöse aus den erneuerbaren Energien bzw. es steigt die Differenz zwi¬schen zugesagten Vergütungen und tat¬sächlichem Preis. Grob gesprochen wird diese Differenz durch die EEG-Umlage gedeckt, die von den meisten Endkunden als Zuschlag auf den Strompreis zu zahlen ist. Dieser Zuschlag ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Somit klaffen Endkundenpreis und Großhandelspreis immer stärker auseinander.
Die damit verbundene Problematik wollen wir nicht weiter vertiefen, denn unser Interesse gilt den Großhandelspreisen. Auch wenn ein Großteil des Stromabsat¬zes unabhängig von den Börsen abgewi¬ckelt wird, sind die Preise an den Börsen die Referenzpreise. Ebenso wie im außer-börslichen Handel wird an der Leipziger Strombörse EEX zwischen Spot-Märkten
Grafik 5: Strompreis unter Druck
Euro je MWh 100

und Terminmärkten unterschieden sowie Grundlast (1.00 bis 24.00 Uhr) und Spit-zenlast (Peak/Off-Peak). Der Referenzpreis für den deutschen Stromhandel ist der Phelix-Future (Physical Electricity Future). Die kurzfristigen Preise sind deutlich volatiler als die langfristigen, was der schwankenden Nachfrage bei gleichzeitig witterungsabhängigen erneuerbaren Energien zuzuschreiben ist (Grafik 4). Ab und an gibt es sogar negative Preise, wenn das Netz zu überlasten droht und Kraftwerke aus dem Markt gedrängt werden müssen.
Wir betrachten deshalb den weniger schwankungsanfälligen Strom-Future des nächstfälligen Kalenderjahres. Grafik 5 zeigt, dass der deutsche Strompreis seit gut zwei Jahren deutlich unter Druck steht. Mit rund 37 Euro je Megawattstun-de ist Strom für das nächste Kalenderjahr so billig wie zuletzt vor acht Jahren. Bemerkenswert ist der Preisrückgang in den letzten zwei Jahren vor allem vor dem Hintergrund der Stilllegung von acht Atomkraftwerken. Denn um noch einmal im Schema der Merit-Order zu argumen¬tieren: Ein geringeres Angebot an Atom¬kraft müsste theoretisch zu einem höhe¬rem Preis führen. Doch dieser Effekt wurde offensichtlich überkompensiert. Zum einen ist in dieser Zeit der Anteil der erneuer¬baren Energien gestiegen. Zusätzlich bedingt durch die vorher bestehenden Überkapazitäten am Markt blieben damit die Steinkohlekraftwerke als Mittel-lastwerke preissetzend. Deren Strom-erzeugungskosten sind aber infolge der starken Preisrückgänge an den Kohle-märkten sowie im europäischen Emissi-onshandel deutlich gesunken. Niedrigere Grenzkosten wiederum führen zu niedri-geren Preisen.
Kohlepreis — wichtige Determinante für börsengehandelte Strompreise Bestätigt wird der starke Einfluss der Kohlepreise in einer einfachen Regressi-onsanalyse. Denn die Vorjahresverände-rung des Strompreises ließ sich in den vergangenen fünf Jahren durch die Verän¬derung des Kohle-Futures (in Euro) gut erklären (Grafik 6). Dabei haben wir den nächstfälligen Kohle-Future mit einem Monat Verzögerung eingehen lassen. Die negative Konstante könnte dabei den preismindernden Struktureffekt eines steigenden Angebots aus erneuerbaren Energien abbilden. Der CO2-Preis leistet in unserer empirischen Betrachtung zwar überraschend (noch) keinen signifikanten statistischen Erklärungsbeitrag, was aber wohl vor allem den parallel gefallenen Kohlepreisen geschuldet sein dürfte. Tat-sächlich hat aber der CO2-Preis durchaus einen signifikanten Einfluss auf die Strom-erzeugungskosten: Denn selbst in einem moderneren Kohlekraftwerk werden laut Umweltbundesamt je produzierter Kilowattstunde Strom knapp 750 Gramm CO2 ausgestoßen. Das bedeutet, dass ein Anstieg des CO2-Preises um 1 Euro
Mehr erneuerbare Energien verschieben Angebot nach rechts

je Tonne die Kosten für eine Megawatt-stunde Strom um 0,75 Euro erhöht.
Wie aber sieht die künftige Entwicklung der Strompreise aus? Derzeit ist in der Terminkurve eher eine Seitwärtsbewe-gung auf Sicht der nächsten zwei Jahre eingepreist. Wir können uns sogar vor-stellen, dass die Preise leicht steigen werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die von uns erwartete Erholung der Kohle-preise. Zum einen arbeiten einige Kohle-produzenten bereits unrentabel und dürf-ten deshalb ihr Angebot zurückfahren, zum anderen dürfte China angesichts der niedrigen Weltmarktpreise verstärkt Kohle im Ausland kaufen. Zudem dürfte Indiens Importbedarf weiter anziehen. Da auch in den USA wieder verstärkt auf Kohle zurückgegriffen wird, dürfte der Kohle-preis eher steigen, zumal sich auch im Euroraum die Konjunktur leicht beleben sollte. Unterstützung für den Strompreis dürfte auch ein Anstieg der CO2-Preise geben. Wir rechnen damit, dass sich im Trilog eine Einigung für das »Backloa-ding« finden wird und folglich 900 Millio-nen Zertifikate bis 2016 zurückgehalten werden. Dass die Strompreise dennoch nur unterproportional zulegen werden, ist dem zeitgleich weiter fortschreitenden Ausbau der erneuerbaren Energien ge¬schuldet. Die damit verbundenen Kosten lassen die EEG-Umlage steigen, der Groß-handelspreis dagegen wird belastet.


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