Dienstag, 24. Dezember 2013

Azteken Teotihuacan Mexico Selzer-McKenzie SelMcKenzie


Azteken Teotihuacan Mexico Selzer-McKenzie SelMcKenzie

Film and Author by D.Selzer-McKenzie


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


 

Die Azteken (von Nahuatl aztecatl, deutsch etwa „jemand, der aus Aztlán kommt“) waren eine mesoamerikanische Kultur, die zwischen dem 14. und dem frühen 16. Jahrhundert existierte. Im Allgemeinen bezeichnet man mit dem Begriff „Azteken“ die ethnisch heterogene, mehrheitlich Nahuatl sprechende Bevölkerung des Tals von Mexiko; im engeren Sinne sind damit aber nur die Bewohner von Tenochtitlán und der beiden anderen Mitglieder des sogenannten „Aztekischen Dreibundes“, der Städte Texcoco und Tlacopán, gemeint.

 

Ab dem späten 14. Jahrhundert weiteten die Azteken im Laufe der Jahre ihren politischen und militärischen Einfluss auf die umliegenden Städte und Völker aus, die nicht direkt dem Reich angegliedert, sondern zur Zahlung von Tributen gezwungen wurden. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht kontrollierten sie weite Teile Zentralmexikos mit dem Tal von Mexiko als Zentrum. Zwischen 1519 und 1521 wurden die Azteken schließlich von den Spaniern unter Hernán Cortés unterworfen.

 

Die Azteken bezeichneten sich selbst meist als Mexica [meːˈʃiʔkaʔ], nach dem Namen des Ortes oder der Region Mexico – der Ursprung des heutigen Ländernamens Mexiko – bzw., nach ihren Siedlungsplätzen Tlatelolco und Tenochtitlán, auch Tlatelolca [tɬateˈloːlkaʔ] und Tenochca [teˈnoːtʃkaʔ]. In alten Quellen wird der Begriff „Azteken“ nur im Zusammenhang mit dem mythischen Herkunftsort Aztlán verwendet. Der erste, der ihn in moderner Zeit benutzte, war der Jesuit Francisco Javier Clavijero im 18. Jahrhundert; bekannt wurde er jedoch erst durch Alexander von Humboldt.

Gründungsmythos und Herkunft

 

Die aztekischen Mythen beschreiben vier große Zeitalter, die der bestehenden Welt vorangingen und in Katastrophen endeten. Das fünfte Zeitalter wurde eingeläutet durch das Opfer eines Helden, der sich in die Sonne verwandelte.

Das heutige Wappen Mexikos greift den Gründungsmythos von Tenochtitlán auf: Es zeigt einen Adler, der mit einer Schlange in den Krallen auf einem Kaktus sitzt.

 

Nach der Legende wanderten die Azteken im 14. Jahrhundert von einem Ort im Norden namens Aztlán zum Texcoco-See in Zentralmexiko, angeführt von ihrem Gott Huitzilopochtli. Als sie bei einer Insel im See ankamen, konnten sie einen Adler beobachten, der, auf einem Feigenkaktus (spanisch Nopal) sitzend, eine Schlange fraß. Gemäß der Prophezeiung war dieses Ereignis dazu bestimmt, ihnen den Platz zu zeigen, an dem sie sich niederlassen sollten. Die Azteken erbauten ihre Stadt Tenochtitlán an dieser Stelle, an der sich das heutige Mexiko-Stadt befindet. Der Adler auf dem Kaktus mit der Schlange aus der Legende ist heute auf der mexikanischen Flagge abgebilde

Aufstieg und Blütezeit

 

Historisch gesehen lässt sich die erste Niederlassung der Azteken im Gebiet von Tenochtitlán für den Zeitraum zwischen 1320 und 1350 nachweisen;[1] aus archäologischer Perspektive nach neueren Ausgrabungen (Stand: Dezember 2007) wird auch die Zeit zwischen 1100 und 1200 für möglich gehalten.[2] Die ersten Herrscher Acamapichtli, Huitzilíhuitl und Chimalpopoca waren Vasallen des Tepaneken-Herrschers Tezozómoc in der Zeit von 1372 bis 1427 und knüpften in dieser Zeit durch Heirat diplomatische Verbindungen zu den Nachbarstädten. Nach und nach erlangten die Azteken dadurch eine gewisse politische Gleichberechtigung mit den anderen Städten.

 

Als Tezozómoc starb, ermordete sein Sohn Maxtla Chimalpopoca. Dessen Onkel Itzcóatl verbündete sich nun mit dem ehemaligen Acolhua-Herrscher von Texcoco, Nezahualcoyotl, und belagerte Maxtlas Hauptstadt Azcapotzalco. Maxtla kapitulierte nach 100 Tagen und ging ins Exil. Tenochtitlán (Mexica), Texcoco (Acolhua) und Tlacopán (Tepaneken) festigten danach formell ihre Kriegsallianz, den aztekischen Dreibund, die das Tal von Mexiko dominierte und die Macht schließlich jenseits der Grenzen des Tals ausdehnte. Mit der Zeit wurde Tenochtitlán die beherrschende Kraft innerhalb der Allianz.

 

Itzcóatl bewirkte auch innenpolitisch weitreichende Veränderungen. Während ein neuer Aquädukt nach Tenochtitlán gebaut wurde, um die Trinkwasserversorgung der wachsenden Bevölkerung zu sichern, ließ er auch viele alte Bilderhandschriften vernichten. Die Gründe dafür sind noch nicht geklärt [3], doch es ist wahrscheinlich, dass Itzcóatl für die Herrschaft seiner Familie eine Legitimationsgrundlage schaffen wollte.

 

Itzcóatls Neffe Moctezuma I. erbte 1440 den Thron und erweiterte das Herrschaftsgebiet nochmals. Allerdings wurde Tenochtitlán zwischen 1445 und 1450 durch eine Heuschreckenplage, eine Überschwemmung und eine Hungersnot schwer getroffen, was die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln als Schwachpunkt offenbarte und die Notwendigkeit von Tributen noch einmal bekräftigte. Vermutlich wurde während Moctezumas Herrschaft auch die Praxis der Blumenkriege eingeführt. [4] Sein Sohn Axayacatl, der 1469 (möglicherweise auch erst 1471) an die Macht kam, erweiterte den von den Azteken kontrollierten Bereich um einige Gebiete der Mixteken und Zapoteken, doch erlitt er gegen das mächtige Reich der Tarasken von Tzintzuntzan eine empfindliche Niederlage. Die Azteken führten bis zur Ankunft der Spanier gegen die Tarasken keine großangelegten militärischen Aktionen mehr durch.

 

1482 übernahm Axayacatls älterer Bruder Tízoc kurz die Herrschaft, unter dem das Reich außenpolitisch an Ansehen verlor, bis er 1486 durch seinen jüngeren Bruder Auítzotl ersetzt wurde, der die Armee neu organisierte. Das Imperium erreichte während seiner Regentschaft das größte Ausdehnungsgebiet. Sein Nachfolger war Moctezuma II., der durch mehrere Feldzüge die Tlaxcalteken außenpolitisch isolierte und die Kontrolle über das Tal von Oaxaca endgültig sicherte. Moctezuma stärkte die Führungsposition Tenochtitláns innerhalb des Dreibunds, was sich unter anderem darin zeigt, dass er aktiv in die Thronfolgeregelung Texcocos eingriff und eigenmächtig den Nachfolger des 1515 gestorbenen Königs Nezahualpilli bestimmte.

Untergang

→ Hauptartikel: Spanische Eroberung Mexikos

 

Aufgrund ihrer Aggressivität waren die Azteken bei ihren Nachbarn mehr verhasst als beliebt. Diese schafften es nicht auf diplomatischer Ebene und auch nicht durch Blutheiraten, den Machtdrang der Azteken zu bremsen. Die Ankunft der Spanier unter Führung von Hernán Cortés war für einige Stämme die einzige Chance, der Herrschaft der Azteken zu entkommen. Der aztekische Herrscher Moctezuma II. erfuhr bereits frühzeitig von der Ankunft der Spanier, doch verhielt er sich zu zögerlich. Nachdem die Spanier zusammen mit ihren Verbündeten, den Tlaxcalteken, im November 1519 nach Tenochtitlán gekommen waren, nahmen diese Moctezuma im Handstreich gefangen und kontrollierten über ihn die Geschicke des Reiches.

 

Als Cortés im Frühjahr 1520 wieder an die Atlantikküste zog, weil von Kuba aus ein Trupp mit der Aufgabe gelandet war, ihn festzunehmen, erhoben sich die Azteken gegen die in der Stadt verbliebenen Spanier. Nach seiner Rückkehr kam es zu Kämpfen zwischen Spaniern und Azteken, in deren Verlauf Moctezuma von seinen Landsleuten getötet wurde. Cortés sah daraufhin keine andere Möglichkeit als die Flucht aus der Stadt. Der Versuch, in der Nacht zum 1. Juli 1520 aus Tenochtitlán zu entkommen, kostete fast drei Viertel der spanischen Soldaten das Leben.

 

Während sich Cortés' Truppe in den folgenden Wochen erholte, wütete in Tenochtitlán eine Pockenepidemie, durch die gut sechzig Prozent der Bewohner der Stadt starben, darunter auch der neue König Cuitláuac. Sein Nachfolger Cuauhtémoc schaffte es nicht, den Abfall des Königs von Texcoco zu verhindern. Zusammen mit den Tlaxcalteken, Kriegern aus Texcoco und Verstärkung aus Kuba begann Cortés mit der Belagerung der Stadt, die am 13. August 1521 endete.

 

Cuauhtémoc, der letzte aztekische Herrscher, wurde 1525 hingerichtet. Die meisten Gebäude Tenochtitláns waren während der Belagerung zerstört worden; auf ihren Ruinen wurde das neue Mexiko-Stadt errichtet. In den Jahren nach der Ausrufung des Vizekönigreichs Neuspanien 1535 wurde ein Großteil der einheimischen Bevölkerung zum Christentum bekehrt und die aztekische Kultur verschwand allmählich, ohne jedoch völlig zu erlöschen.

Über die Geschichte und Kultur der Azteken existieren keine schriftlichen Quellen aus der Zeit vor der spanischen Eroberung. Der Grund ist sowohl das Fehlen eines leistungsfähigen Schriftsystems, mit dem Aufzeichnungen von Texten möglich gewesen wären, als auch die Zerstörung der bilderschriftlichen Manuskripte durch Eroberung und christliche Missionierung. Informationen über die Geschichte und Kultur vor der Eroberung beruhen deshalb zu einem wesentlichen Teil auf mündlichen Traditionen, die unter der spanischen Kolonialherrschaft, vor allem im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert aufgezeichnet wurden, sowie auf in dieser Zeit angefertigte Kopien und Bearbeitungen von Bilderhandschriften (Aztekencodices), die oft von Angehörigen der in Mexiko tätigen Bettelorden in Auftrag gegeben und kommentiert wurden. Ihren Inhalten nach sind historische Dokumente von religiösen zu unterscheiden.

 

Auf Veranlassung von Spaniern niedergeschrieben wurde unter anderem der Codex Mendoza von 1541, der die Eroberungen der aztekischen Herrscher und die Tributprovinzen auflistet und auch einen kurzen ethnographischen Überblick enthält. Zu den wichtigsten frühkolonialen Zeugnissen über die Kultur zählt daneben in erster Linie die zweisprachige (spanisch/nahuatl) „Historia General de las Cosas de la Nueva España“ (die letzte endgültige Fassung ist der „Codex Florentinus“) des Franziskaners Bernardino de Sahagún, der Aussagen von indianischen Gewährsleuten zu einer weitgespannten Thematik aufzeichnete und redigierte. Weitere wichtige Quellen hauptsächlich historischen Inhalts sind in spanischer Sprache die „Historia de las Indias de Nueva España“ des Dominikaners Diego Durán, die „Crónica Mexicana“ des aus hohem indianischem Adel stammenden Hernando de Alvarado Tezozómoc, und die verschiedenen Geschichtsdarstellungen des aus dem Adel von Texcoco stammenden Fernando de Alva Ixtlilxóchitl. In Náhuatl sind die „Anales de Cuauhtitlan“ und die „Historia Tolteca-Chichimeca“ geschrieben, deren Verfasser anonym geblieben sind. Das umfangreichste Geschichtswerk bilden die verschiedenen ebenfalls in Náhuatl verfassten „Relaciones“ des Domingo Chimalpahin Quauhtlehuanitzin aus Chalco.

Nahuatl wird noch heute von Teilen der indigenen Bevölkerung Mexikos, den Nahua, gesprochen. Es gibt auch eine Version der Wikipedia in Nahuatl.

Das Reich der Azteken war kein territorial geschlossenes Reich, wie es etwa die Imperien der europäischen Geschichte darstellten. Es war vielmehr ein Zusammenschluss der drei im Becken von Mexiko gelegenen Städte Tenochtitlán, Texcoco und Tlacopán, deren politische und rechtliche Systeme sich aufgrund alter Traditionen voneinander stark unterschieden und dementsprechend auch nicht vereinheitlicht waren. Die jeweiligen Herrscher regierten ihre Städte und die von ihnen abhängigen Gebiete unabhängig voneinander und agierten nur dann zusammen, wenn ein gemeinsames Interesse vorhanden war, etwa bei Eroberungen. Die drei Städte waren formell gleichberechtigt, was sich aber besonders in der Zeit von Moctezuma II. zugunsten Tenochtitláns änderte. Die von den Städten abhängigen Gebiete bildeten keine geschlossenen Territorien, sondern die Besitzungen waren entsprechend der Beteiligung an den jeweiligen Eroberungen miteinander eng verschränkt.

 

Die Azteken übten ihre Herrschaft hauptsächlich in Form von Tributforderungen aus. Ziel der Expansion war die wirtschaftliche Nutzung, nicht die Beherrschung der unterworfenen Gebiete. Direkte Ansiedlung auf dem Gebiet des unterworfenen Feindes fand kaum statt, auch wurde das aztekische Rechtssystem nicht aufgezwungen; die althergebrachten lokalen Strukturen blieben unangetastet. Nachteile ergaben sich jedoch dadurch, dass das von den Azteken unterworfene Gebiet ethnisch sehr differenziert war, was oft zu diplomatischen Verwicklungen führte, die die Spanier schließlich für sich ausnutzen konnten.

 

Oberhaupt der Stadt Tenochtitlán war der huey tlatoani „Großer Sprecher“, der in der Literatur oft als „König“ oder „Kaiser“ bezeichnet wird. Faktisch war der Tlatoani ein absoluter Monarch, der alleine über die Stadt regierte und dessen Nachfolge von männlichen Angehörigen seiner Familie gestellt wurde. Das Amt des Stellvertreters, des Cihuacóatl, wurde erst unter Itzcóatl eingerichtet und maßgeblich von seinem ersten Inhaber Tlacaélel geprägt. Seine Aufgaben waren vor allem innenpolitischer Art. Rangmäßig niedriger waren die Ämter des Tlacateccatl und des Tlacochcalcatl, die beide sowohl zivile als auch militärische Funktionen innehatten. Sie waren aber wichtige Durchgangsämter für den künftigen Herrscher. Für die Rechtsprechung war je ein separates Gericht für Adelige und Nicht-Adelige zuständig. Die Stadt Texcoco besaß außer ihrem Fürsten noch vier Ratsgremien, die für die Rechtsprechung, Krieg, Musik, Kunst und Wissenschaft und auch den Staatsschatz zuständig waren.

Die aztekische Gesellschaft kannte vier hauptsächliche Klassen: Adel (pilli, pl. pipiltin), Bauern und Handwerker (Macehualli, pl. macehualtin), Händler (pochteca) und Sklaven (tlatlacotin). Die Zugehörigkeit zu einer Klasse war weitgehend von Geburt vorgegeben, wenn auch die macehualtin durch herausragende Verdienste im Krieg in einen besonderen, nicht erblichen Adelsrang aufsteigen konnten. So jemand konnte sich, wie alle übrigen Krieger Teteuctin nennen, wenngleich sein mit diesem Titel einhergehendes Gewand sich von denen der Militärlogen leicht unterschied. Somit bestand nur eine geringe soziale Mobilität.

Adel

 

Die Adligen (pipiltin) standen sozial an der Spitze der Gesellschaft. Das Staatsoberhaupt (tlatoani, „Sprecher“) entstammte stets dem Adel.

 

Der wirtschaftliche Status der Adligen war keineswegs einheitlich. Die Angehörigen der obersten Adelsschicht lebten in Palästen mit ausgedehntem Landbesitz, der aber nicht notwendigerweise auch direkt in der Nähe des Palastes lag. Das Land wurde von abhängigen Bauern bearbeitet, die einen festgelegten Anteil am Ertrag abgeben mussten. Die Angehörigen niedriger Adelsschichten unterschieden sich oft nur wenig von den Bauern.

 

Die Söhne der Adligen erhielten in Tempelschulen (calmecac) eine militärische, religiöse und auch administrative Ausbildung, um sie auf ihre späteren Aufgaben vorzubereiten. Die Nachfolger der Familienoberhäupter konnten jedoch nur dann offiziell ihr Erbe antreten, wenn sie sich zuvor im Krieg ausgezeichnet hatten. Viele pipiltin wurden aber auch, oft nur für eine gewisse Zeit, Priester (tlamacazqui), die im Zölibat lebten und im Gegensatz zu vielen anderen mesoamerikanischen Kulturen keine weltliche Macht ausübten.

 

Adelige besaßen generell mehr Rechte als die Bauern, wurden aber auch strenger bestraft. Sie durften beispielsweise farbige Kleidung aus Baumwolle tragen und mehrstöckige Häuser bewohnen, dafür jedoch wurden sie bei einem Verbrechen, für das ein Bauer „nur“ versklavt worden wäre, zum Tode verurteilt.

Reisende Händler

 

Die reisenden Händler (pochteca, Einzahl pochtecatl) waren eine zahlenmäßig kleine, auf Grund ihrer Schlüsselposition für den Warenverkehr wie für die Verbreitung von Informationen jedoch wichtige Klasse. Viele dienten auch als Spione. Sie folgten eigenen Bräuchen, lebten in eigenen Stadtvierteln, gehorchten einem eigenen Verhaltenskodex und unterlagen sogar einer eigenen Gerichtsbarkeit. Besonders Fernhändler konnten oft einen Reichtum anhäufen, der dem von Adelsfamilien gleichkam.

Bauern

 

Die einfachen Menschen (macehualtin, Einzahl macehualli) bildeten den Hauptteil der Bevölkerung. Sie waren grundsätzlich frei und hatten zumeist das Nutzungsrecht über ein Stück Land, das einem Adligen gehörte. Sie waren zum Kriegsdienst verpflichtet. Gegen Ende der Aztekenzeit lebte ein Großteil der Macehualtin in Tenochtitlán nicht mehr von der Landwirtschaft, sondern vom Handwerk oder Kleinhandel. [5][6]

 

Die Macehualtin waren nicht an das Land eines bestimmten Adeligen gebunden, sondern konnten fortziehen und auf dem Land eines anderen arbeiten. Es gab in bestimmten Regionen jedoch auch Verbände mehrerer Bauern, calpolli genannt, die gemeinsam Land besaßen, das in Parzellen aufgeteilt wurde und von den Bauern alleine bearbeitet werden konnte. Dennoch mussten auch sie Tribut leisten, jedoch nicht an Adelige, sondern direkt an den jeweiligen Herrscher. Die internen Angelegenheiten eines calpolli regelte ein Calpollli-Ältester.

Sklaven

 

Die Position der Sklaven (tlatlacotin, Einzahl tlacotli) ähnelte eher der Sklavenhaltergesellschaft der Antike in Europa als der Sklaverei durch die Europäer im selben Zeitalter. Der Status des Sklaven war nicht erblich, das heißt, die Kinder eines Sklaven waren frei. Ein Sklave durfte Dinge und selbst andere Sklaven besitzen, ebenso konnte er sich freikaufen. Im Falle von Misshandlungen oder bei gemeinsamen Kindern mit ihrem Herrn konnten Sklaven bzw. Sklavinnen für frei erklärt werden. Starb der Herr, wurden die Sklaven vererbt, doch kamen in der Regel diejenigen mit den größten Verdiensten frei.

 

Sklave wurde man oft durch eine Verurteilung für ein Verbrechen. Ein Mörder, der zum Tode verurteilt war, konnte auf Antrag der Witwe des Opfers deren Sklave werden. Ein Vater konnte seinen Sohn als Sklaven verkaufen, wenn dieser von einer Amtsperson als unerziehbar erklärt wurde. Häufig wurde man auch Sklave, wenn man seine Schulden nicht bezahlen konnte.

Landwirtschaft

 

Das Becken von Mexiko bot eine Vielzahl von natürlichen Ressourcen. Mehrere Seen versorgten die Bewohner des Tals mit Fisch und über ihre Zuflüsse mit Trinkwasser. Der größte Teil der produzierten Nahrungsmittel kam aus der Landwirtschaft. Im tropischen Klima Mexikos konnten die Azteken Mais, Bohnen, Kürbisse, Amarant (eine getreideähnliche Pflanze), Chia (ein Kraut aus der Gattung der Salbei mit fettreichen Samen), Agaven und Kakteen anbauen; daneben wurden insbesondere Heilkräuter kultiviert. Viehzucht in großem Stil fand nicht statt, lediglich Truthühner und Hunde wurden gehalten.

 

Auf hügeligem Terrain praktizierten die Azteken eine Anbautechnik, die tlacolol genannt wurde. Dabei wurden die Felder zwei oder drei Jahre bewirtschaftet und lagen danach brach; manchmal wurden die Felder auch terrassiert. Auf flachem Land betrieb man dagegen Bewässerungsfeldbau, meist auf sogenannten Chinampas. Die Chinampas waren Anbauflächen, die aus dem sumpfigen Boden gewonnen wurden und aufgrund ihrer günstigen Bodenfeuchtigkeit häufig mehrere Ernten im Jahr ermöglichten. In Tenochtitlán besaß nahezu jedes Wohnhaus ein eigenes Chinampa, auf dem die Hausbewohner ihre eigenen Lebensmittel anbauten, doch mussten immer mehr Lebensmittel in die Stadt gebracht werden, je größer die Stadt wurde. Da die Azteken weder beräderte Fuhrwerke noch Lasttiere wie zum Beispiel Pferde kannten, konnten die Lebensmittel nur über geringe Entfernungen transportiert werden. Die flächenmäßig größten Chinampas befanden sich in Xochimilco am südlichen Ende des Texcoco-Sees, wo noch heute auf diese Weise Landwirtschaft betrieben wird.

Verarbeitendes Gewerbe

 

Besonders in den großen Städten lebten Handwerker, die sich in einem hohen Maße spezialisierten. Die wichtigsten und angesehensten Berufe waren die des Gold- bzw. Silberschmieds, der Maler und auch der federverarbeitenden Handwerker. Diese Hersteller von Luxusgütern produzierten vor allem für die adelige Oberschicht, wobei sie Arbeitsteilung betrieben. Sie waren in Vereinigungen organisiert, die stark den Gilden im mittelalterlichen Europa ähnelten. Damit besaßen sie auch einige Privilegien, etwa das Recht, ihre Nachkommen selbst zu erziehen und zu unterrichten.

 

In der Gesellschaftshierarchie unterhalb der Hersteller von Luxuswaren befanden sich Berufe wie Töpfer, Korbmacher oder auch die Weiterverarbeitung von Obsidian, das zum Beispiel für Waffen gebraucht wurde. Sie betrieben in der Regel kleine Familienbetriebe und waren nicht weiter organisiert. Ebenso betrieben sie keine Arbeitsteilung, sondern erledigten den gesamten Herstellungsprozess selbst. Ein weiterer Bereich war die Weberei, die ausschließlich von Frauen, gleich welcher Gesellschaftsschicht, betrieben wurde. Hergestellt wurde vor allem Kleidung, wobei es Frauen von niedrigerem Stand strengstens untersagt war, elegantere und wertvollere Kleidung zu tragen. Daneben dienten die Stoffe als Dekoration für Haushalte, Tempel, Plätze etc. sowie als Geschenke, Mitgiften oder ähnliches.

Handel und Tributwesen

 

Die Azteken betrieben einen schwunghaften Handel bis weit über die Grenzen des von ihnen kontrollierten Gebiets hinaus. Als Zahlungsmittel dienten normalerweise Kakaobohnen oder Goldstaub in Federkielen. Die Händler stellten in der aztekischen Gesellschaft eine eigene Klasse mit Rechten und Pflichten dar. Während Produzenten kleinerer Mengen von Gütern ihre Waren, wie Nahrung oder handwerklich gefertigte Produkte, selbst auf den Märkten feilboten, gab es auch Großhändler, die auf professionelle Art und Weise größere Mengen vertrieben. Die Großhändler reisten zwischen den Orten hin- und her und besaßen für den Adel, der nach Luxusgütern aus fernen Gebieten verlangte, eine besondere Bedeutung. Jedoch handelten sie nicht nur mit Waren, sondern fungierten auch als Spione oder übernahmen diplomatische Aufgaben, etwa Gesandtschaften. Sie standen sozial zwischen dem Adel und dem gemeinen Volk, doch erlangten einige Händler so großen Reichtum, dass sie sich mit Prestigeobjekten schmücken konnten, die sich sonst nur der Adel leisten konnte. Mit der Zeit bildeten auch sie Gilden und schufen ein eigenes Rangsystem. Die Händler stellten einen wichtigen ökonomischen Faktor für die Azteken dar, doch mit der Eroberung der Stadt Tlatelolco im Jahr 1473, eines mächtigsten Wirtschaftszentrums auf einer Nachbarinsel Tenochtitláns, wurde die wirtschaftliche Macht der Azteken noch größer, als sie zuvor ohnehin schon gewesen war.

 

Mit zunehmender Expansion der Azteken vergrößerte sich der Strom von Tributlieferungen in die drei Städte des aztekischen Dreibundes. Die Tribute wurden eroberten Städten auferlegt und dienten einerseits der Versorgung der Grundbedürfnisse der Städte, andererseits aber auch zur Entlohnung von Arbeitskräften, zur rituellen Speisung bei bestimmten Festen und nicht zuletzt auch der Versorgung der Adeligen mit Luxuswaren. Als Ausgleich wurden den eroberten Orten der Schutz vor Angriffen und Hilfeleistungen in Zeiten der Not garantiert.

 

Die eroberten Gebiete wurden in zuletzt 38 Tributprovinzen eingeteilt, deren Verwaltungen für die Erhebung zuständig waren, welche ein aztekischer Tributverwalter (calpixqui) überwachte und koordinierte. Die am häufigsten geforderten Güter waren außer den Nahrungsmitteln, wie Mais oder Bohnen, Baumwolldecken und daneben je nach Gebiet Felle oder Vogelfedern, etwa des Quetzalvogels, des Weiteren auch Meeresschnecken, Kakaobohnen oder spezielle Kleidungsstücke. Eine andere Möglichkeit war die Anforderung von Arbeitskräften für Bauvorhaben. Die Tribute wurden üblicherweise zu je zwei Fünfteln an Tenochtitlán und Texcoco verteilt, das übrige Fünftel ging an Tlacopán; manche Orte lieferten aber auch nur an eine der drei Städte. Nach der Eroberung Mexikos durch die Spanier übernahmen diese die penibel geführten Listen über das Ausmaß und die Art der Tributlieferungen und setzten sie für ihre eigenen Zwecke ein.

Bei den Azteken nahm die Kriegsführung einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert ein. Bereits bei der Geburt wurden Jungen der Schlacht „geweiht“; ebenso erhielten sie später eine stark militärische Erziehung. Die besondere Bedeutung des Militärwesens zeigte sich insbesondere im politischen Bereich, denn praktisch jeder, der ein hohes Amt übernahm, musste sich zuvor im Krieg ausgezeichnet haben. Dies galt auch für Angehörige des Adels und besonders für den tlatoani. Für alle Männer bestand eine Wehrpflicht auf Zeit, es gab aber auch Männer, die ihr Leben lang als Krieger dienten. Bewährte Krieger wurden in den Reihen der Adlerkrieger oder Jaguarkrieger aufgenommen, denen in Tenochtitlán eigene Tempel geweiht waren.

 

Die Kriegsführung diente vor allem zwei Zwecken. Einerseits gab es Kriege mit dem Ziel der Unterwerfung anderer Staaten, die danach Tributleistungen zu entrichten hatten. Da sich besonders Tenochtitlán mit zunehmender Größe nicht mehr selbst versorgen konnte, ergab sich die Notwendigkeit, die Versorgung der Stadt durch jene Tributzahlungen sicherzustellen. Bevor jedoch mit kriegerischen Handlungen begonnen wurde, wurden nacheinander Gesandte aus Tenochtitlán, Texcoco und Tlacopán geschickt, die offiziell die Unterwerfung forderten. Verweigerten sich die dortigen Herrscher, griffen die Azteken an. Nach der Niederlage der angegriffenen Stadt wurden ihr Tributzahlungen auferlegt. Die zu leistenden Tribute bestanden aber nicht nur aus Nahrungsmitteln, sondern oft auch aus verschiedensten Materialien oder auch Luxusgütern wie Quetzalfedern oder Kakao.

 

Allerdings unterwarfen die Azteken gezielt einige Städte nicht, um so genannte Blumenkriege führen zu können. Dabei handelte es sich um Feldzüge, die vorrangig die Gefangennahme feindlicher Krieger zum Ziel hatte, die später den Göttern geopfert werden sollten. Krieger, die Feinde gefangen nahmen, wurden hoch geschätzt und erlangten höchste Ehren. Bei dieser Art von Krieg entfiel jedoch die Kriegserklärung durch Gesandte, vielmehr wurden die Blumenkriege im Voraus von beiden Seiten geplant und zu einem bestimmten Zeitraum in regelmäßigen Zeitabständen durchgeführt.

Religion

Die polytheistische Religion der Azteken beruhte auf der Religion der Tolteken. Hauptgott war Huitzilopochtli, der Gott der Sonne und des Krieges. Ein anderer besonders verehrter Gott war Quetzalcoátl, die gefiederte Schlange, der einst ein Herrscher der Tolteken gewesen war und auf einem Kanu aus der Welt fuhr. Er war als Quetzalcoatl-Ehecatl der Gott des Windes, des Himmels, des Krieges, der Erde und ein Schöpfergott, doch besonders an ihm war, dass alle Völker in der gesamten Umgebung der Azteken ihn verehrten. Neben ihm gab es auch einige Götter unterschiedlicher Wichtigkeit, z.B. den Regengott Tlaloc. Dabei ist eine Besonderheit, dass fast jeder Bereich durch mehrere Götter abgedeckt wird.

Quetzalcoatl (Codes Borbonicus, 18. Jahrhundert)

 

Die Azteken, die eines natürlichen Todes starben, kamen nach Mictlan, in die neunschichtige aztekische Unterwelt, regiert von dem Totengott und der Totengöttin. Gefallene Krieger hatten die Ehre, die Sonne auf ihrem Weg von dem Sonnenaufgang bis zum Zenit zu begleiten. Die Frauen, die im Kindbett gestorben waren (ihre Art des überlebenswichtigen Krieges), begleiteten die Sonne vom Zenit bis zum Sonnenuntergang. Menschen, die ertranken oder vom Blitz erschlagen wurden, kamen in das Paradies des Regengottes Tlaloc, auch bekannt als Paradies der Blumen.

Opferpraktiken

→ Hauptartikel: Opferkult der Azteken

 

Die Bedeutung und der Umfang aztekischer Menschenopfer sind umstritten. Größtenteils stammen die Schilderungen verschiedenster grausamer Opferrituale von spanischen Missionaren, welche ein Interesse daran hatten, die Praktiken des heidnischen Volkes negativ darzustellen. Auch zweifelt man daran, dass die von den Azteken selbst überlieferten Opferkulte in dieser Art auch in vollem Umfang ausgeführt wurden. Daher sind die folgenden überlieferten Aussagen nicht unumstritten. Andererseits scheinen neue Grabungsfunde die Opferrituale zu belegen.[7][8]

 

Die Azteken sind berüchtigt für ihre religiös motivierten Menschenopfer, die sie in großer Zahl ausführten. Dazu wurden gefangene Krieger, Sklaven, aber auch Kinder verwendet. Manchmal opferten sich auch aztekische Krieger selbst freiwillig, was als große Ehre angesehen wurde. Ein Verfahren der Opferung bestand darin, die Menschen einzeln auf der Spitze der Pyramiden auf einem Opferstein an ihren Armen und Beinen festzuhalten und ihnen mit einem Steinmesser das Herz herauszuschneiden. Der Priester bespritzte sich selber und die Götterstatuen mit dem frischen Menschenblut. Die Leiche wurde anschließend die steilen Steinstufen hinabgeworfen. Bei besonders hochstehenden Opfern wurden Teile gebraten und gegessen. Kinder wurden in Käfigen zugunsten des Regengottes Tlaloc zum Weinen gebracht und man ließ sie verhungern. Die Azteken führten sog. Blumenkriege mit ihren verfeindeten Völkern in beiderseitigem Einverständnis. Bei diesen Blumenkriegen wurde im Kampf möglichst nicht getötet; das Ziel bestand darin, Gefangene zu machen, die dann als neue Opfergaben dienten. Diese Opferungen nannten sie nextlaualli – „Schuldzahlungen an die Götter“. Sie sollten sicherstellen, dass die Sonne jeden Morgen erneut aufgehen konnte.

 

Neuesten Erkenntnissen zufolge haben aber auch die „Könige“ selbst Blutopfer von sich gegeben (Schnitt in Hand/Arm/Bein/Ohr), um die Gottheiten zu besänftigen oder zu bemühen; eine ähnliche Praxis ist auch von den Maya bekannt. Es ist auch bekannt, dass die Priester des jeweiligen Tempels sich in das Ohr schnitten, um Blut zu gewinnen, das für Rituale nötig war. Es wurden nur sehr wenige von den damals bekannten 1600 Gottheiten angebetet, da nicht alle so wichtig waren. Die Azteken hatten so viele Götter, weil sie bei jedem Volk, das sie eroberten, deren Götter „adoptierten“ und zu ihren dazunahmen. Deswegen waren auch nicht alle bekannt. Es gab verschiedene Stämme unter den Azteken, von denen jeder „seine“ Gottheit bevorzugte.

 

Die Menschenopfer waren in diesem Maße vermutlich in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts eingeführt worden und hatten sich erst unter den Herrschern Axayacatl oder Auítzotl richtig behauptet. Einige Wissenschaftler sehen in dieser Entwicklung bereits ein Zeichen der Dekadenz und eines angekündigten Untergangs des Aztekenreiches, unabhängig von den Spaniern.

 

Die Spanier sahen die Opferrituale, die Religion und sogar die ganze Kultur der Azteken als Werk des Teufels. Charles C. Mann macht in seinem Buch 1491. New revelations of the Americas before Columbus den Leser darauf aufmerksam, dass die ganze Geschichte selbst von den Siegern – also von den Konquistadoren – geschrieben wurde, welche jegliches Interesse hatten, die aztekische Kultur in schlechtem Licht erscheinen zu lassen, was an den archäologischen Befunden allerdings nichts ändert.

Kalender

 

Der aztekische Kalender kombinierte einen für den täglichen Gebrauch und für die Wahrsagerei dienenden Zyklus von 260 Tagen, der „tonalpohualli“ genannt wurde. In ihm wurden die Zahlen von 1 bis 13 mit 20 Zeichen verschränkt, so dass 20 verschiedene Kombinationen entstanden. Die einzelnen Abschnitte von 13 Tagen begannen demnach mit je einem der 20 Zeichen und wurden nach ihm benannt. Das Sonnenjahr „xihuitl“ dauerte 365 Tage, eine Anpassung an die tatsächliche Länge des Sonnenjahres durch Schaltung wurde nicht vorgenommen. Das Jahr bestand aus 18 Abschnitten zu 20 Tagen, die jeweils mit einem großen Fest endeten. Am Ende des Jahres folgen noch 5 unnütze Tage (nemontemi), die als unglücklich angesehen und in denen größere Aktivitäten vermieden wurden.

Schrift

 

Die Azteken besaßen kein Schriftsystem, mit dem vollständige Texte wiedergegeben werden konnten. Für ihre Aufzeichnungen und Monumente verwendeten sie eine erzählende (narrative) Bilderschrift, in denen die Sachverhalte so gut wie möglich abgebildet wurden. Durch konventionalisierte Darstellungsweisen wurde die Präzision erhöht. Ergänzend wurde für Namen von Personen und Orten und zur Kennzeichnung von Waren, Maßen und ähnlichem hieroglyphenartige Zeichen verwendet. Mit ihnen wurden Inhalte (Ideogramme) dargestellt oder Worte oder deren Teile durch feststehende Zeichen (Logogramme) niedergeschrieben. In einer Reihe von Handschriften aus der Region von Texcoco wurden statt der Logogramme oder ergänzend zu ihnen Silbenzeichen verwendet, die aus Logogrammen entstanden sind. Fast alle vorspanischen Dokumente (Códices) wurden von den spanischen Eroberern zerstört, da man meinte, sie beinhalten nur Lügen des Teufels.

Teotihuacán ist eine ehemalige Stadt im mexikanischen Bundesstaat México. Die heutige Ruinenstätte liegt in der Nähe der heutigen Stadt San Juan Teotihuacán mit etwa 45.000 Einwohnern und befindet sich etwa 45 Kilometer nordöstlich von Mexiko-Stadt. Sie weist einige bemerkenswerte Stufentempel auf, vor allem die große Sonnenpyramide.

 

Das Stadtgebiet war bereits seit dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert permanent besiedelt. Zwischen 100 und 650 nach Christus war Teotihuacán das dominierende kulturelle, wirtschaftliche und militärische Zentrum Mesoamerikas. Auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung besaß die Stadt möglicherweise bis zu 200.000 Einwohner und war damit zu ihrer Zeit die mit Abstand größte Stadt des amerikanischen Kontinents und eine der größten Städte der Welt. Ab etwa 650 begann ihr Einfluss zu schwinden, bis die Stadt um 750 schließlich aus noch nicht vollständig geklärten Gründen weitgehend verlassen wurde. In Zentralmexiko hielten sich jedoch kulturelle Einflüsse noch bis zur spanischen Eroberung Mexikos.

 

Die Azteken, die bei ihrer Einwanderung ins Hochland von Mexiko Teotihuacan als bereits seit mehreren Jahrhunderten verlassene Ruinenstadt vorfanden, sahen in ihr einen mythischen Ort und benannten sie mit dem bis heute fortlebenden Namen Teotihuacan (Tēotīhuacān[1]) Sie verstanden diesen Namen als wo man zu einem Gott wird.

 

Die Stadt wird seit der Zeit der Ankunft der ersten Spanier erforscht, professionelle Ausgrabungen finden jedoch erst seit etwa 1900 statt. Das Fehlen schriftlicher Hinterlassenschaften erschwerte die Forschungsarbeiten in nicht geringem Maße und bewirkte, dass viele Erkenntnisse nur durch Interpretation von Funden gewonnen werden können. Teotihuacán gehört seit 1987 zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Die Ruinenstätte befindet sich in Zentralmexiko, nordöstlich des Tales von Mexiko im Tal von Teotihuacán. Dieses umfasst ein Gebiet von gut 500 bis 600 Quadratkilometern und wird im Norden durch mehrere erloschene Vulkane sowie im Süden durch eine Gebirgskette mit Bergen von bis zu 2800 Metern Höhe begrenzt. Durchflossen wird das Tal vom Río San Juan, der saisonal durch mehrere kleinere Quellen gespeist wird und heute in den Xaltocan-See mündet.

 

Im Tal von Teotihuacán herrscht ein warmgemäßigtes Klima; zwischen 1921 und 1968 wurde ein durchschnittlicher Jahresniederschlag von 550 Millimetern pro Jahr und eine Jahresdurchschnittstemperatur von 14,8 Grad Celsius gemessen.[2] Der Winter beginnt üblicherweise im Oktober und kann bis in den Mai hinein andauern. Danach beginnt die bis Oktober dauernde Regenzeit, wobei der größte Teil des Regens in den Sommermonaten fällt.

 

Für die Landwirtschaft ist das Tal nur bedingt geeignet. Während der Ostteil vor allem flachgründige Böden aufweist und kaum Wasser vorhanden ist, gibt es im Westteil tiefergehende Alluvialböden, und der San Juan führt hier aufgrund einiger Quellen ganzjährig Wasser. Daneben gibt es in unmittelbarer Nähe aber auch größere Vorkommen von nutzbaren Rohstoffen, etwa Obsidian (vor allem am Ostrand des Tales), Kalkstein, Tonminerale und mehrere Arten von Vulkangestein. Die Flora bestand vermutlich aus Wäldern mit Eichen und Zypressen in den feuchteren sowie verschiedenen Sträuchern in den trockeneren Gebieten.[3] An für den Menschen nutzbarer Fauna existierten mehrere Hasen- und Kaninchenarten, Nagetiere, Vögel, Reptilien sowie eine Hirschart, der Weißwedelhirsch.

Die Stadt Teotihuacán nahm auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung eine Fläche von mehr als 20 Quadratkilometern ein.[4] Die Anlage der Stadt erfolgte auf der Grundlage einer Rasteranordnung, die genauestens befolgt wurde. So wurde etwa auch der Río San Juan, der die Stadt durchfließt, durch Kanalisierung dem Raster angepasst.

 

Die Hauptachse der Stadt bildet die sogenannte Straße der Toten (in Nahuatl: miccaotli), die die Stadt mit einer Abweichung von 15° 30′ nach Osten in Nord-Süd-Richtung durchzieht, jedoch nicht durchgehend, da sie immer wieder durch Treppendämme unterbrochen wird. Das nördliche Ende der Straße bildet die Mondpyramide mit dem ihr vorgelagerten Platz und dem anliegenden Quetzalpapalotl-Palast. Im Süden läuft sie am Großen Komplex (Great Compound) und dem diesem gegenüberliegenden Tempel des Quetzalcoatl vorbei auf den Berg Cerro Gordo zu, auf dessen Gipfel ein Tempel errichtet war. Dort befindet sich auch der große Hofkomplex, die ciudadela (Zitadelle), in der möglicherweise die Herrscherfamilie oder deren direkte Untergebene lebten. Dazwischen wird die Straße von zahlreichen Gebäuden flankiert, die man aufgrund des großen Aufwandes, mit dem sie ausgestattet und errichtet waren, für Wohnbauten der herrschenden Eliten hält.[5]

 

Das Zentrum der Stadt bildet die Sonnenpyramide, nach der Großen Pyramide von Cholula die zweitgrößte Pyramide des amerikanischen Kontinents.[4] Vor ihr befindet sich die plataforma adosada (zu deutsch etwa „angeschlossene Plattform“), die als Zeremonialplatz gedient haben könnte. Die Zone, in denen sich die größten Pyramiden sowie die oben erwähnten Wohnhäuser der Oberschicht befanden, waren durch eine Mauer von der übrigen Stadt abgetrennt. Die meisten Gebäude außerhalb davon wurden als sogenannte Apartment-Compounds identifiziert, große Wohnkomplexe, die für mehrere Familien ausgelegt waren. Sie waren jeweils in Gruppen (barrios, spanisch für Wohnviertel) zusammengeschlossen, die sich wiederum um einen größeren Compound gruppierten, der einen eigenen Tempelkomplex besaß. Es gab auch Viertel, die von Angehörigen anderer Völker bewohnt wurden, so etwa von Zapoteken, Mixteken und auch Maya.

 

Im Nordwesten Teotihuacáns befand sich einer der ältesten Teile der Stadt, mit einer verhältnismäßig hohen Bevölkerungsdichte und vielen Tempeln aus der Frühzeit der Stadt. Der Südwesten war dagegen eher spärlich besiedelt, da sich dort der größte Teil der in direkter Umgebung der Stadt angelegten bewässerten Felder befand. Im Osten war Landwirtschaft aufgrund des zuvor geschilderten Wassermangels kaum möglich.

Die Sonnenpyramide liegt im Zentrum Teotihuacáns. Mit einer Grundfläche von 222 mal 225 Metern, einer Höhe von gut 65 Metern sowie einem Volumen von rund einer Million Kubikmetern ist sie die drittgrößte Pyramide der Welt. Sie wurde um 100 nach Christus in einem Arbeitsgang errichtet und war damit das erste größere Gebäude, das in Teotihuacán gebaut wurde. Ihren heutigen Namen erhielt sie von den Azteken.

 

Die Pyramide besitzt heute fünf Stufen; ursprünglich waren es nur vier. Der archäologische Laie Leopoldo Batres versuchte 1906 bei der Freilegung, die Pyramide zu restaurieren und ging dabei von der Existenz von fünf Stufen aus. Tatsächlich entstand die heutige fünfte Stufe überhaupt erst durch Batres' Arbeiten aufgrund dieser Annahme. An der Seite, die zur Straße der Toten weist, führt eine Treppe über die an der Pyramide angeschlossene plataforma adosada auf die Spitze. Dort befand sich ein kleiner Tempel, der heute nicht mehr zu sehen ist. In ihrem Kern besteht die Pyramide aus Adobe und Basalt, während die Außenhaut mit Stuck überzogen und bemalt war, wovon heute aber nichts mehr erhalten ist.

 

1968 wurde der Eingang einer Höhle entdeckt, die unter die Sonnenpyramide führte. Dort wurden neben Artefakten aus der Zeit Teotihuacáns auch Gegenstände aus aztekischer Zeit gefunden. Da außerdem in späteren mesoamerikanischen Religionen Höhlen immer wieder als Orte der Schöpfung galten, wird davon ausgegangen, dass die Pyramide religiösen Zwecken diente. Welchem Gott die Sonnenpyramide geweiht war, ist noch nicht gesichert. Heute existieren keine Malereien mehr, die die Verehrung eines bestimmten Gottes belegen könnten; es wurde lediglich ein Gefäß mit einer Abbildung des „Sturmgottes“ (oft mit dem späteren aztekischen Gott Tlaloc identifiziert) gefunden, was aber allein ebenfalls kein stichhaltiger Beweis dafür ist, dass dieser Gott hier auch verehrt wurde.

 

Die Kunsthistorikerin Esther Pasztory von der amerikanischen Columbia University bringt die Pyramide dennoch mit einer bestimmten Gottheit in Verbindung, der „Großen Göttin“.[6] Von ihr existieren einige Abbildungen, die darauf deuten, dass sie eine Fruchtbarkeitsgöttin war. In einigen Fällen wird sie darauf auch mit Höhlen in Verbindung gebracht. Pasztorys Annahme beruht nun auf der Häufigkeit von Abbildungen der Großen Göttin und der daraus resultierenden großen Bedeutung und auf der Interpretation der Höhle als typisch weibliches Symbol.

Die am nördlichen Ende der Straße der Toten gelegene Mondpyramide entstand rund ein Jahrhundert nach der Sonnenpyramide. Bei einer Grundfläche von 120 mal 150 Metern erreicht sie eine Höhe von 46 Metern. Obwohl sie damit eigentlich kleiner ist als die Sonnenpyramide, liegt ihre Spitze mit der Spitze der Sonnenpyramide ungefähr auf gleicher Höhe, da die Mondpyramide auf einer kleinen Erhebung liegt. Anders als die Sonnenpyramide entstand sie in mehreren Etappen. Die früheste Mondpyramide wurde um 100 nach Christus errichtet, bis 350 folgten insgesamt sieben Bauphasen. Grabungen unter der Pyramide brachten mehrere Kammern zum Vorschein, in denen sich menschliche Überreste fanden.[7]

 

Esther Pasztory vermutet, dass die Mondpyramide dem „Sturmgott“ geweiht war, einer Gottheit, die laut Pasztory für Krieg und Opfer, aber auch für politische Belange zuständig war.[8] Die Pyramide sei an diesem erhöhten Platz errichtet worden, weil sie dort von praktisch jedem Punkt in der Stadt aus sichtbar war. Mit der Architektur der Pyramide sollte demnach das Volk auch darauf hingewiesen werden, dass die Stadt als Ganzes eine „Festung der Ordnung“ [9] inmitten der chaotischen und ungeordneten Natur darstellte.

Die Ciudadela war vermutlich eine höfische Anlage oder ein Palast, vergleichbar der Verbotenen Stadt in Peking. Die umgebenden Mauern haben eine Seitenlänge von rund vierhundert Metern und schirmen das Innere weitgehend von Blicken von außen ab. Zentrum der Anlage bildet ein Gebäudekomplex, bestehend aus Wohnanlagen sowie dem in der Mitte gelegenen Tempel des Quetzalcoatl, der „Gefiederten Schlange“. Die Ciudadela war nur über einen kleinen Eingang an der zur Straße der Toten gewandten Frontseite zu erreichen. Der Platz im Inneren kann nach Ansicht von George L. Cowgill einhunderttausend Menschen Platz bieten und könnte dementsprechend für kultische Zwecke benutzt worden sein.[10]

 

Besonders der Tempel hat immer wieder das Interesse der Archäologen erweckt. Er hat eine Seitenlänge von 65 mal 65 Metern und ist im tablero-talud-Stil errichtet. Der Bau des Tempels fand im Wesentlichen in drei Phasen statt. Die erste Phase bestand aus einem kleineren Gebäude, das mit der zweiten Phase überbaut wurde. In der zweiten Phase entstand die heutige Pyramide, zeitgleich mit der Ciudadela nach 200 nach Christus. Später fügte man in der dritten Phase eine plataforma adosada hinzu, wie sie auch die anderen großen Pyramiden besitzen. Jedoch ist aufgrund der Skulpturierung hier eindeutig zu sehen, dass die Pyramide dem Gott Quetzalcoatl geweiht war. An der Frontseite befinden sich zahlreiche Skulpturen, die den Kopf einer gefiederten Schlange darstellen. Es existieren aber noch weitere Darstellungen von anders geformten Köpfen, die bislang noch nicht exakt zugeordnet werden konnten. [11] Die heute gängigste Interpretation dieser anderen Kopfskulpturen besteht in der Annahme, es handele sich dabei um eine Darstellung von Köpfen eines noch unbestimmten Wesens mit Kopfschmuck. Diese Köpfe liegen auf dem Körper der gefiederten Schlange.

 

Da Quetzalcóatl auf späteren Codices auch als Abendstern auftaucht, ist es zudem möglich, dass mit der Pyramide auch dem Planeten Venus gehuldigt wurde. Dafür sprechen auch die Ausmaße der Ciudadela als Ganzes, denn mit der Teotihuacán Measurement Unit (TMU; Erklärung im Abschnitt Wissenschaft) gemessen ist eine Seite der die Ciudadela umgebenden Mauer rund 484 TMU lang; eine Zahl, die fast genau der Anzahl der Tage im Venuszyklus entspricht, an denen der Planet als Morgen- oder Abendstern am Himmel zu sehen ist.

 

Darüber hinaus wurden in mehreren Ausgrabungsphasen immer wieder Gräber mit menschlichen Überresten gefunden. Die Gräber enthielten Opferbeigaben, doch waren einige zum Zeitpunkt ihrer Untersuchung bereits von Grabräubern geplündert worden.

Die Apartment-Compounds sind Wohnkomplexe, die ab der Tlamimilolpa-Phase erbaut wurden und zu dieser Zeit die älteren Wohnhäuser aus Adobe ablösten. Bis zur frühen Xolalpan-Phase errichteten die Bewohner wahrscheinlich rund 2200 Compounds von unterschiedlicher Größe. In der Regel besaß ein Compound eine Seitenlänge von fünfzig bis sechzig Metern [12] und war aus Stein, in seltenen Fällen auch aus Adobe, gemauert und verputzt. Diese rechteckigen Komplexe waren von einer mehrere Meter hohen Mauer umgeben und besaßen nur einen Eingang. Im Inneren gab es viele in Gruppen („Apartments“) angeordnete Räume, Höfe und Gänge und zusätzlich noch mindestens eine Tempelplattform. Nach den Schätzungen von René Millon wurden die Apartment-Compounds von mindestens sechzig, vermutlich aber durchschnittlich einhundert Menschen oder mehr bewohnt. [13]

 

Jeder Compound wurde nach einem bestimmten Plan in einem Baugang errichtet und jahrhundertelang bewohnt; bei Reparaturen wurde nur selten etwas an der ursprünglichen Anlage verändert. Da sich hinsichtlich Ausstattung und Ausmaßen zum Teil recht große Unterschiede ergeben, scheinen die Compounds von verschiedenen gesellschaftlichen Schichten bewohnt gewesen zu sein. Es wurde anhand dessen versucht, eine gesellschaftliche Ordnung zu rekonstruieren (siehe dazu den Abschnitt Gesellschaft weiter unten). Besonders in den niederen Schichten kam es so etwa vor, dass Räume auch für handwerkliche Zwecke genutzt wurden. Die Apartment-Compounds waren außerdem in Vierteln („Barrios“) organisiert, die die nächsthöhere Organisationsform darstellten.

Gesellschaft

 

Die soziale Struktur Teotihuacáns kann nur indirekt rekonstruiert werden, da direkte schriftliche Belege fehlen. Gemeinhin wird die Gesellschaft in der Stadt anhand der unterschiedlichen Ausstattung der Apartment-Compounds in sechs Schichten eingeteilt. An der Spitze standen demnach die Herrscher mit ihren Familien, die in den Compounds in der Ciudadela lebten. Darunter scheint eine Schicht von hohen Priestern und Beamten gestanden zu haben, eventuell unterstützt von Kriegerhäuptlingen. Beide Schichten waren wohl gemeinsam für die Organisation der Stadt zuständig; vermutlich umfassten beide Gruppen nicht mehr als einige tausend Menschen. Der Großteil der Bevölkerung war dagegen Teil der mittleren Schichten, also Bauern und Handwerker sowie niedere Priester bzw. Beamte. Die Einteilung in diese drei Schichten erfolgte hierbei nach den drei Compounds Zacuala-Palast, Teopancaxco und Xolalpan, die jeder für sich jeweils eine Schicht repräsentieren. Zur Unterschicht zählte eine kleinere Anzahl von Familien, die innerhalb eines Compounds nur einen oder zwei Räume bewohnte und kleinere Hilfsarbeiten verrichtete, etwa bei Bauarbeiten. Wahrscheinlich, aber bislang ungesichert, ist zusätzlich die Existenz von reisenden Fernhändlern wie bei den Azteken sowie einer etwas größeren Gruppe von Trägern.

Wirtschaft

 

Die Einwohner Teotihuacáns bezogen den Großteil ihrer Nahrungsmittel durch Landwirtschaft. Angebaut wurden unter anderem Mais, Bohnen, Amarant (eine getreideähnliche Pflanze), Paprika, Tomatillo (tomatl) und Kürbisse. Häufige Anbaumethoden waren Terrassierung und Bewässerungsfeldbau, zum Teil Sturzwasserfeldbau. Die Existenz von Bewässerungssystemen, die von den Einwohnern Teotihuacáns genutzt wurden, konnte erst 1954 durch Luftaufnahmen nachgewiesen werden. Das dazu nötige Wasser stammt aus einem Quellensystem in der Nähe des heutigen San Juan Teotihuacán, das möglicherweise von unterirdischen Flussläufen unter dem Cerro Gordo gespeist wird. Eventuell gab es bereits eine Vorform der Chinampas, wie sie die Azteken anlegten, auf Böden, die durch die Entnahme von Quellwasser trockengelegt worden waren. Die Bauern in Teotihuacán hatten dabei nicht nur ihre eigenen Familien zu versorgen, sondern auch die nicht in der Nahrungsmittelproduktion arbeitende Bevölkerung zu ernähren. Bei einem angenommenen Bedarf von 2000 kcal pro Kopf und Tag und zweihundert Arbeitstagen im Jahr ergeben sich laut einer Studie von William T. Sanders und Robert S. Santley [14] je nach Bodenbedingungen Überschüsse zwischen einer (Regenfeldbau) und fünfzehn zusätzlich ernährten Personen (Chinampas). Dennoch konnte sich Teotihuacán nicht aus eigener Kraft mit Nahrungsmitteln versorgen, für rund dreißig bis fünfzig Prozent der Einwohner mussten die Nahrungsmittel importiert werden.

 

Zusätzlich wurden auch noch Pflanzen gesammelt, etwa Wacholderbeeren, Binsen, Portulak, Opuntien sowie einige Kräuterarten. Der Anteil dieser Wildpflanzen an der Nahrung ist nicht sicher bestimmbar. Daneben wurden noch Tiere gejagt, darunter vor allem Weißwedelhirsche, aber auch Kaninchen und Wasservögel. Domestiziert wurden lediglich Truthähne und Hunde, doch ist es unsicher, ob sie zu Ernährungszwecken gehalten wurden. Bislang wurden an gefundenen Truthahnknochen keine Schlachtspuren gefunden und die Haltung eines Hundes wäre bei weitem nicht rentabel genug gewesen.[15] Da bei den Azteken jedoch Hundefleisch als Delikatesse galt, wird es für möglich gehalten, dass dies auch für die Bewohner Teotihuacáns galt.

 

Für die große wirtschaftliche Bedeutung Teotihuacáns war besonders Obsidian wichtig. Obsidian ist vor allem zur Herstellung von Schneidewerkzeugen geeignet und verhältnismäßig leicht zu bearbeiten. Die größten Obsidianvorkommen Mesoamerikas liegen im Umkreis von wenigen Dutzend Kilometern um die Stadt und wurden zur damaligen Zeit auch ausgebeutet. Hauptsächlich wurde der hochwertige grüne Obsidian verwendet, der im fünfzig Kilometer in nordöstlicher Richtung gelegenen Pachuca abgebaut wurde, aber es gibt auch Vorkommen von grauem und braunem Obsidian in der Nähe. Andere verwendete Rohstoffe waren Ton für Keramik, Basalt, Adobe und Tuff für Bauvorhaben sowie Mineralien wie Zinnober aus Minen im heutigen Bundesstaat Querétaro für Malereien. Werkstätten konnten bislang jedoch fast ausschließlich für Obsidianwerkzeuge und Keramik nachgewiesen werden.

 

Die Werkstätten waren aufgrund der angewandten Herstellungstechniken sehr produktiv, während gleichzeitig der Verbrauch der aus Obsidian gefertigten Werkzeuge eher gering war. Ein großer Teil davon scheint für den Export gefertigt worden zu sein, denn während William T. Sanders und Robert S. Santley eine Verbraucheranzahl von mehreren Millionen Menschen annahmen [16], errechnete der amerikanischer Archäologe John Clark, dass möglicherweise zehn bis zwanzig Handwerker für die Selbstversorgung der Stadt ausgereicht hätten.  [17]

 

Handel, insbesondere der Fernhandel, spielte eine große Rolle für die Wirtschaft Teotihuacáns. Das genaue Handelsvolumen kann nicht ermittelt werden. Innerhalb der Stadt erfolgte Handel vermutlich vor allem auf dem Great Compound, einem großen Platz, der der Ciudadela gegenüber an der Westseite der Straße der Toten liegt. Die Existenz kleinerer Märkte ist (noch) nicht belegt. Mit dem Fernhandel wurde dagegen auch ein Teil der Rohstoffe in die Stadt gebracht, der nur wenig oder überhaupt nicht in der Nähe zu finden war. Dazu zählen etwa Baumwolle und Kakao aus Morelos, Hämatit, Jadeit, Türkis und Zinnober aus dem Bereich der Chalchihuites-Kultur in Durango und Zacatecas sowie Keramik aus anderen Regionen; exportiert wurden neben Keramik wie oben erwähnt Obsidianwerkzeuge. Der Handel führte zu großem kulturellen Einfluss Teotihuacáns bis in das Territorium des heutigen Guatemala und der USA hinein.

Die Religion spielte im Leben der Bewohner von Teotihuacán eine zentrale Rolle.[18] Sie war polytheistisch, das heißt es gab mehrere Götter, die jeweils eine oder mehrere „Aufgaben“ hatten. Viele der wichtigsten Götter wurden von früheren Kulturen übernommen und auch noch Jahrhunderte später von den Bewohnern Zentralmexikos verehrt. Unter anderem deshalb bezeichnet man sie in der Forschung in Unkenntnis ihres echten Namens oft mit ihren späteren aztekischen Namen, soweit eine eindeutige Identifizierung möglich war. Zu diesen Göttern zählen unter anderem Quetzalcoatl, die „Gefiederte Schlange“, Tlaloc, der Gott des Regens und des Ackerbaus, der „Alte Gott“ Huehueteotl, der schon in der Präklassik in der Siedlung Cuicuilco verehrt wurde und von dort aus nach Teotihuacán kam, und der „Fette Gott“ sowie Xipe Totec, der hautlose Gott des Frühlings, beide Fruchtbarkeitsgötter. Eine andere, wichtige Gottheit war zudem die „Große Göttin“. Oft hatte ein Gott mehrere Erscheinungsformen; beispielsweise konnte Tlaloc als Schlange, Vogel oder auch als Jaguar auftreten.

 

Entsprechend ihrer Funktionen wurden Rituale für jeden Gott durchgeführt, wie Wandmalereien zeigen. Dabei wurden oft auch Opfer gebracht. Die Frage, ob auch Menschen geopfert wurden, konnte während Ausgrabungen endgültig geklärt werden, die zwischen 1998 und 2004 an der Mondpyramide durchgeführt wurden. Archäologen unter Leitung von Saburo Sugiyama fanden dort mehrere Gräber mit Toten, deren sterbliche Überreste sichtbare Spuren von Gewaltanwendung aufwiesen, aber auch von Menschen, die lebendig begraben worden waren.[19] Da in der Kunst oft auch Motive auftauchen, die mit dem Tod in Verbindung gebracht werden, wird vermutet, dass ein Totenkult existierte.

Kunst und Architektur

Maske aus Serpentin, vermutlich Tlamililolpa-Phase, Dumbarton Oaks-Museum, Washington D.C.

 

In nahezu allen Gebäuden in Teotihuacán gibt es Wandmalereien. Sie sind die Hauptquelle für die Untersuchungen des täglichen Lebens der Bewohner sowie der Gesellschaftsstruktur. Bei der Bemalung wurde üblicherweise rot als Hintergrundfarbe verwendet; die übrigen Farben dienten zur Darstellung der gewählten Motive. Diese sind zahlreich, ihnen wohnt aber auch ein hohes Maß an Symbolik inne. Behandelt wurden unter anderem mythologische und religiöse Darstellungen, aber auch Abbildungen von Menschen bei ihren alltäglichen Tätigkeiten und vor allem von hohen Würdenträgern und auch Kriegern in der Schlacht.

 

Skulpturen gibt es im Wesentlichen in zwei Formen: solche, die unmittelbar in die Architektur eines Gebäudes eingebunden sind, und kleinere Objekte, wie kleinere Figuren oder Masken. Für die erste Gruppe sind die Skulpturen am Tempel des Quetzalcóatl beispielhaft, an dessen Fassade viele Schlangenköpfe angebracht sind als Abbildung des Gottes Quetzalcóatl. Viele der kleineren Skulpturen bestehen aus Stein, Alabaster, Obsidian und anderen Werkstoffen und wurden mit Steinwerkzeugen bearbeitet. Nicht selten sind sie mit Muscheln oder Obsidian verziert. Vasen und ähnliche Gefäße wurden dagegen aus Ton gefertigt. Viele der Masken sind eher als Skulpturen zu betrachten, da sie flache Rückseiten und keine Augen- und Mundöffnungen haben und daher offenbar nicht zum Tragen durch Personen bestimmt waren.

Konstruktionsweise von tablero (ebener Fläche) und talud (Schräge) bei der Gestaltung von Gebäudefassaden. Gelb: Tragplatten, rot: Aufbau des Tablero, grün: innere Konstruktion, braun: rohe Oberfläche unter der Stuckverkleidung (schwarz)

 

Die Gebäude in Teotihuacán wurden üblicherweise aus Stein und Adobe errichtet. Charakteristisches Merkmal der Architektur ist dabei das sogenannte Tablero-talud. Mit diesem Begriff wird die Abwechslung zwischen einer senkrechten Fläche (tablero), die kastenartig hervorragt und deren Innenfeld eingesenkt und oft auch bemalt ist, und einer nach oben und innen ragenden Schräge (talud) bezeichnet. In der klassischen Periode Mesoamerikas wurde das Tablero-talud nicht nur in Teotihuacán, sondern auch einigen anderen Kulturen verwendet, doch ist das Vorkommen dieses Stilelements nicht als alleiniges Indiz für eine Oberhoheit Teotihuacáns zu sehen, sondern war zu dieser Zeit vielmehr ein allgemeines Stilmittel.

 

Ein anderes, typisches Kennzeichen ist der hohe Grad an Symmetrie. Dies ist nicht nur bei einzelnen Gebäuden, sondern auch der Anordnung eines einzelnen Gebäudes unter mehreren und sogar in der Stadtplanung erkennbar. Teotihuacán war nach zwei Achsen in Ost-West- und Nord-Süd-Richtung angeordnet und das gesamte Grundraster nach einer bestimmten Richtung ausgerichtet. Ob dabei auch religiöse Motive eine Rolle spielten, wie etwa bei den Maya, ist ungewiss.

Wissenschaft

Markierungskreis in der Ciudadela

 

Die ausgereifte Planung der Stadtanlage und der großen Bauten lassen auf einen hohen Grad an mathematischen und astronomischen Kenntnissen schließen, wenngleich zumindest letzteres nicht beweisbar ist.[20][21] Zwar deutet die Ausrichtung des städtebaulichen Rasters auf den Sonnenuntergang am 12. August sowie am 29. April auch auf kalendarisches Wissen hin [22], doch lässt sich dies auch aus der Sichtlinie zwischen Sonnenpyramide und dem Cerro Gordo erklären. Für diese Interpretation spricht der Fund zahlreicher Markierungskreise in und außerhalb von Teotihuacán, die vielleicht zur Vermessung gedient haben könnten. Dem widerspricht jedoch die Tatsache, dass solche Kreise auch im Inneren von Gebäuden gefunden wurden.

 

Für die Errichtung von Gebäuden war wahrscheinlich die Teotihuacán Measurement Unit (TMU) entscheidend, eine Maßeinheit für eine Länge von etwa 80 bis 85 Zentimetern. Es wird vermutet, dass diese Maßeinheit die Standardeinheit für Längenmaße war, auf deren Grundlage die Maße nicht nur einzelner Gebäude festgelegt wurden, sondern auch die Entfernungen zwischen den wichtigsten Bauten. Letztlich bewiesen werden kann diese These jedoch noch nicht.[23] Es wird aber dennoch angenommen, dass auch die Maße vieler Gebäude oder Entfernungen zwischen Bauten, gemessen in TMU, sich auf wichtige kalendarische Daten beziehen, denen auch in späterer Zeit noch Bedeutung zukam.

 

Ebenso gibt es keine Hinweise auf die Existenz einer vollständig ausgearbeiteten Schrift. Es existieren zwar Glyphen, die von manchen Forschern als entwickelte Vorform einer Schrift gesehen werden[24], doch kann man hierbei nicht von lesbaren Texten sprechen. Welche Sprache die Bewohner Teotihuacáns sprachen, ist deshalb unbekannt.

Die Geschichte Teotihuacáns musste komplett aus archäologischen Funden rekonstruiert werden. Dabei ergaben sich zusätzlich zu den Beschränkungen, die sich bei nicht-schriftlichen Quellen ergeben, einige Schwierigkeiten, da es etliche Funde gibt, die ihrer Datierung nach überhaupt nicht zu anderen Objekten am Fundort zu passen scheinen. Obwohl es Erklärungsansätze für einige Fundobjekte gibt, bleibt ein genauer zeitlicher Ansatz für die einzelnen Epochen schwierig zu definieren.

Aufstieg

 

Erste Spuren der Besiedlung des Tales von Mexiko lassen sich für einen Zeitpunkt um 1500 vor Christus nachweisen. Das Tal wurde von Menschen aus dem Süden bevölkert, deren Nachkommen mit einiger Wahrscheinlichkeit die späteren Bewohner von Teotihuacán und der Nachbarorte waren.

 

Während der präklassischen Cuanalan-Phase (circa 550 bis 150 vor Christus) existierten auf dem späteren Stadtgebiet von Teotihuacán einige Dörfer. In der nachfolgenden Patlachique-Phase (100 vor Christus bis zur Zeitenwende) entstand daraus eine Stadt mit gut 20.000 Einwohnern, die rund 6 Quadratkilometer an Fläche einnahm. Der Stadtkern befand sich im Nordwesten des späteren Zentrums. Über das Aussehen Teotihuacáns zu dieser Zeit kann man nur Vermutungen anstellen, da aufgrund späterer Bebauung kaum Überreste von Gebäuden der Patlachique-Phase blieben. Aus ebendiesem Grund bestehen die archäologischen Funde dieser Epoche fast ausschließlich aus Keramik. Während dieser ersten beiden Epochen war Teotihuacán eines von mehreren regionalen Zentren im Tal von Mexiko. Im ersten vorchristlichen Jahrhundert wurde jedoch die Siedlung Cuicuilco im Südwesten des Tals, die zuvor der größte Konkurrent Teotihuacáns gewesen war, durch einen Vulkanausbruch zerstört. In der Folgezeit stieg die Einwohnerzahl von Teotihuacán sprunghaft an, vermutlich da die Stadt viele Flüchtlinge aus Cuicuilco aufnahm.[25]

 

In den ersten beiden Jahrhunderten nach Christus (Tzacolli-Phase bis 150 nach Christus) wurden schließlich die Grundzüge für das heutige Aussehen der Stadt gelegt. Es entstanden die Sonnenpyramide, die Straße der Toten sowie eine Vielzahl kleinerer Tempel. Wie viele Einwohner Teotihuacán zu dieser Zeit besaß, kann kaum bestimmt werden; die Schätzungen liegen zwischen 30.000 und 80.000 Menschen. Die Stadt erstreckte sich aber bereits auf einer Fläche von über 20 Quadratkilometern und hatte damit ihre größte Ausdehnung erreicht. Der Bevölkerungszuwachs späterer Jahrhunderte wurde durch eine höhere Bebauungsdichte erreicht. Es wird vermutet, dass die Gründe für das schnelle Wachstum hauptsächlich spiritueller Natur sind. Dafür spricht einerseits die Existenz einer 1968 entdeckten Höhle unter der Sonnenpyramide, die nachweislich für kultische Handlungen benutzt wurde, und der Bau der wichtigsten Tempelgebäude in einem relativ frühen Abschnitt der Geschichte Teotihuacáns. Letzteres dürfte ohne einen hohen Grad an organisierter Verwaltung kaum möglich gewesen sein, was später auch das wirtschaftliche Wachstum begünstigte.[5] In der folgenden Miccaotli-Phase (150 bis 250) entstanden im Zuge einer Einteilung der Stadt in vier große Teile zudem auch die Straße der Toten, die Cuidadela und der Tempel des Quetzalcoatl.

Blütezeit

 

Ab dem dritten Jahrhundert stieg Teotihuacán endgültig zur dominierenden Großmacht auf. Die Bevölkerungszahl stieg in der Zeit der Tlamimilolpa-Phase (circa 200 bis 450) auf eine Größenordnung zwischen 100.000 und 200.000 Menschen, die sich immer noch auf 20 Quadratkilometern Fläche konzentrierten. Statt der früher aus Lehmziegeln (Adobe) errichteten Häuser baute man nun größere Wohnkomplexe, die sogenannten Apartment-Compounds und überbaute viele der alten Gebäude. In dem Maße, wie Teotihuacáns wirtschaftliche Macht anwuchs, vor allem durch den Handel mit Obsidian, strömten nun auch Angehörige anderer Völker in die Stadt, wo sie eigene Viertel bewohnten. Die landwirtschaftlichen Erträge aus dem Bewässerungsfeldbau im Tal von Teotihuacán alleine reichten jedoch nicht mehr aus, die Bevölkerung zu ernähren, weshalb Nahrungsmittel aus dem Tal von Mexiko und aus der Gegend des heutigen Pachuca de Soto importiert werden mussten.

 

Der kulturelle Einfluss Teotihuacáns begann sich in der Tlamimilolpa-Phase auszuweiten. Bei den Maya tritt eine erste Beeinflussung im vierten Jahrhundert auf, die sich in der Folgezeit in Architektur und Kunst niederschlägt. Am deutlichsten kann man dies in der Umgebung der Städte Kaminaljuyú und Tikal erkennen. Ob die Beeinflussung durch eine militärische Eroberung und eine nachfolgende direkte Kontrolle durch Teotihuacán oder anderweitig zustande kam, ist nicht gesichert; nur in Tikal ist eine militärische Einflussnahme im Jahr 378 nachweisbar.[26]

 

Den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreichte Teotihuacán jedoch erst in der Xolalpan-Phase (rund 450 bis 650). Der Einfluss der Stadt erstreckte sich nunmehr über einen Großteil Mesoamerikas. Neben den unübersehbaren künstlerischen und architektonischen Ähnlichkeiten bei den Maya sind selbst im Gebiet der Hohokam-Kultur im heutigen Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko Handelsbeziehungen mit Teotihuacán und kultureller Einfluss nachweisbar. In der Stadt selbst verdichtete sich die Besiedlung nochmals.

Niedergang

 

Es scheint, dass bereits in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts die große kulturelle Ausstrahlung Teotihuacáns zu schwinden begann. Dies führte in den jeweiligen Gebieten, insbesondere bei den Maya, zu kulturellen Krisen, die mehrere Jahrzehnte andauerten. Die Bautätigkeit in Teotihuacán blieb jedoch weiterhin ungebrochen; es kam sogar noch zu einer erneuten Bevölkerungskonzentration, bis schließlich rund 90 Prozent der gesamten Bevölkerung des Tales von Teotihuacán in der Stadt selbst lebte.

 

Erst ab 650, mit dem Beginn der Metepec-Phase, begann die Bevölkerungszahl aus unbekannten Gründen zu schrumpfen. Die Stadt scheint ihre ursprüngliche Bedeutung als wirtschaftliches Zentrum allmählich an Konkurrenten verloren zu haben, bis sie sich schließlich nicht mehr selbst versorgen konnte. Um 750 kam es zum fast völligen Zusammenbruch. Die wichtigsten Gebäude im Zentrum der Stadt wurden niedergebrannt, der Großteil der übrigen Viertel blieb dabei aber weitgehend ohne Schäden. Anzeichen für einen Angriff von außen gibt es nicht. Es wird daher vermutet, dass die Einwohner die Zerstörungen in einem rituellen Akt selbst angerichtet haben, wie es schon von den Olmeken bekannt ist.[27] Gleichzeitig verließen rund 80 Prozent der verbliebenen Bevölkerung die Stadt. Die Vermutung, ein extrem kaltes Jahr (535-536), das in Europa, Afrika und Asien historisch nachgewiesen ist[28], hätte diesen dauernden Effekt gehabt, ist nicht überprüfbar. Gegen diese These spricht, dass außerhalb des Tals von Teotihuacan keine entsprechende Erscheinung festzustellen ist. Nach der Aufgabe der Stadt existierte in Zentralmexiko rund zwei Jahrhunderte lang ein Machtvakuum, das zunächst von keinem anderen kleineren Zentrum ausgefüllt werden konnte, bis die Tolteken im 10. Jahrhundert schließlich die Vorherrschaft erlangten.

 

Nach kurzer Unterbrechung kam es zu einer erneuten, wenngleich nicht sehr zahlreichen Besiedlung der äußeren Viertel. Allerdings konnten die Bewohner den früheren großen kulturellen und wirtschaftlichen Einfluss Teotihuacáns nicht mehr wiederherstellen. Ebenso erreichte das Kunsthandwerk nicht mehr seine ehemalige Qualität. Die letzten Bewohner verließen die Stadt mindestens ein Jahrhundert nach der Zerstörung des Stadtzentrums. Jedoch geriet die Stadt nie ganz in Vergessenheit, sie wurde stattdessen zu einem wichtigen Wallfahrtsort. Insbesondere die Azteken verehrten Teotihuacán, da sie den Ort als den Platz ansahen, an dem die Welt erschaffen und ihre Götter geboren wurden.

Auch nach der Unterwerfung der Azteken durch die spanischen Konquistadoren zwischen 1519 und 1521 geriet Teotihuacán nie völlig in Vergessenheit. Die spanischen Chronisten wie Bernardino de Sahagún, Toribio de Benavente Motolinía, Gerónimo de Mendieta sowie dessen Schüler Juan de Torquemada erwähnen die Stadt in ihren Schriften. 1675 ließ Carlos de Sigüenza y Góngora einige Grabungen im Bereich der Mondpyramide vornehmen und einen Tunnel in die Mondpyramide graben. Seine Arbeiten waren die ersten archäologischen Ausgrabungen auf dem amerikanischen Kontinent. Auch in Alexander von Humboldts Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas findet Teotihuacán Erwähnung, wenngleich aus dem Werk nicht hervorgeht, ob er die Ruinenstätte selbst besucht hat. 1864 ließ die Comisión Científica de Pachuca die Pyramiden vermessen und ihre geographischen Koordinaten feststellen sowie eine Landkarte des Gebietes erstellen.

 

Dennoch konzentrierte sich das Interesse der damaligen Archäologen vorwiegend auf die Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckten Stätten der Maya. 1884/85 begann der Mexikaner Leopoldo Batres mit einer Reihe von Ausgrabungen und restaurierte dabei einige der Monumente. Er wurde jedoch schwer kritisiert, da während der Ausgrabungen immer wieder Artefakte beschädigt wurden und er in den Augen vieler Archäologen nicht wissenschaftlich arbeitete. Diese Vorwürfe waren nicht ganz unbegründet, denn Batres war kein ausgebildeter Archäologe, sondern hatte seine Kenntnisse durch Eigenstudium erworben. Allerdings bewirkten seine Maßnahmen auch, dass sich der mexikanische Staat zur Finanzierung weiterer Forschungsprogramme bereit erklärte.

Intensivierung der Forschungen

 

1915 fasste der deutsche Archäologe Eduard Seler die bisherigen Erkenntnisse in seinem Werk Die Teotiuacan-Kultur [sic!] des Hochlands von Méxiko zusammen und analysierte sie. Er interpretierte die Ruinen als Relikte einer herausragenden Kultur, die innerhalb einer einheitlichen kulturellen Tradition eine wichtige Rolle innehatte. Von 1917 bis 1922 leitete dann Manuel Gamio die Ausgrabungsarbeiten in Teotihuacán, ein Schüler des deutschen Anthropologen Franz Boas und seit 1917 Direktor der neu gegründeten Dirección de Antropologia. Er ließ den Tempel des Quetzalcóatl restaurieren und unternahm eine Untersuchung der stratigraphischen Abfolge. Nach dem Ende der Ausgrabungen veröffentlichte er im dreibändigen Werk La población del Valle de Teotihuacán die Ergebnisse seiner Forschungen. Darin verglich Gamio die ursprüngliche indigene Bevölkerung mit der späteren Mischlingsbevölkerung in gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht. Zu diesem Zweck untersuchte er in seiner Arbeit unter anderem die geographischen und geologischen Verhältnisse des Terrains, die körperliche Beschaffenheit der präkolumbischen Einwohner, ihre religiösen Ansichten, ihre Architektur und auch ihre Kunstwerke, wobei sich dieser Teil fast ausschließlich auf Skulpturen bezog. Er kam zu dem Schluss, dass die indigene Gesellschaft immer mehr an Einfluss verlor und in der Gegenwart vom Verlust ihrer kulturellen Identität bedroht war.

 

Gamios Werk erweckte endgültig das Interesse der Fachwelt. 1922 wurde im Zuge einer Untersuchung der Keramiktypen und -stile festgestellt, dass man erst die Beziehungen Teotihuacáns zu anderen Kulturen Mesoamerikas erforschen müsse, um die Entwicklung der Stadt selbst rekonstruieren zu können. In den dreißiger Jahren versuchten George Vaillant und Eduardo Noguera, diese Schlussfolgerung aufzugreifen. Sie stellten Gemeinsamkeiten im Keramikstil mit Funden aus den mexikanischen Bundesstaaten Guanajuato, Michoacán, Jalisco und Zacatecas fest.

 

Der Schwede Sigvald Linné fand dann 1932 mit dem Xolalpan-Compound den ersten Apartment-Compound; 1942 folgte die Entdeckung des Tlamimilolpa-Compounds. Er konnte mit der Mazapa-Kultur erstmals eine frühere Kultur von der Teotihuacáns abgrenzen. Seine Ergebnisse wurden in den ersten umfassenden Ausgrabungsberichten über Teotihuacán veröffentlicht. Alfonso Caso fand zudem 1940 die Tlalocán-Wandmalereien, die ein erstes Bild vom täglichen Leben der Bewohner Teotihuacáns lieferten. Eine andere Studie im Viking-Komplex (benannt nach der Stiftung, die die Studie finanzierte) machte es 1944 zudem möglich, zumindest einige Eckpunkte der Chronologie festzulegen. Dem Ausgrabungsleiter Pedro Armillas gelang es, verschiedene Architektur- und Keramikstile in Verbindung zu bringen.

Die archäologischen Großprojekte der sechziger und siebziger Jahre

 

In den fünfziger Jahren übernahm das mexikanische Nationale Institut für Geschichte und Anthropologie (spanisch Instituto Nacional de Antropología e Historia) die Grabungsarbeiten und ließ hauptsächlich mehrere weitere Compounds untersuchen. Das 1960 initiierte Proyecto Teotihuacán hatte insbesondere die Strukturen entlang der Straße der Toten im Blick. Neben dem Quetzalpapalotl-Palast wurden insgesamt zehn weitere neue Gebäude freigelegt, wodurch das zeremonielle Zentrum entdeckt war. Der Schwerpunkt lag neben der Ausgrabung bislang unerforschter Gebäude außerdem auf der Entdeckung von Wandmalereien und Friesen, jedoch bemühte man sich auch, die Ausgrabungsstätte verstärkt für Touristen zugänglich zu machen. Nach 1962 wurde das Projekt intensiviert und es kam zur Restauration des Zeremonialzentrums. Schließlich wurde es auch noch möglich, eine komplette Abfolge der Keramikstile aufzustellen.

 

1962 begann die University of Rochester mit dem großangelegten Teotihuacán Mapping Project. Bis 1970 wurde das Gebiet von Teotihuacán systematisch kartiert und die Grenzen der Stadt selbst gesucht. Zu diesem Zweck teilte man das Stadtgebiet in 500 mal 500 Meter große Planquadrate ein und vermaß gezielt alle gefundenen Gebäude. 1973 konnten erste Ergebnisse der Studie veröffentlicht werden. Hauptergebnis des Projektes war die Erstellung einer detaillierten Karte der alten Stadt und ihrer Umgebung; daneben konnte man nun auch die Entwicklung der Stadt nachvollziehen. Das Projekt schaffte zudem erstmals einen echten Eindruck von der Bedeutung Teotihuacáns und bildete die Grundlage für viele spätere Studien.

 

Währenddessen wurden zwischen 1960 und 1975 im Zuge des Teotihuacán Valley Project im gesamten Tal von Mexiko archäologische Surveys durchgeführt, um die frühe Siedlungsgeschichte des Tals zu erforschen. Schwerpunkte lagen dabei auf der agrartechnischen und der demographischen Entwicklung sowie der Entwicklung der Institutionen früher Hochkulturen.

Neuere Forschungen

 

Ab 1970 widmete man sich erneut den Zeremonialkomplexen sowie den Compounds. Das Proyecto Arqueológico Teotihuacán untersuchte zwischen 1980 und 1982 die soziale und wirtschaftliche Struktur Teotihuacáns sowie den wissenschaftlichen Stand, etwa auf den Gebieten der Astronomie und der Mathematik. Unter den untersuchten Objekten waren der Tempel des Quetzalcóatl, die Ciudadela und einige Wohnkomplexe. Bis in die neunziger Jahre hinein entstanden so Untersuchungen über die räumliche Organisation der einzelnen Compounds und ihre Eingliederung in das wirtschaftliche Gesamtsystem. Auch versuchte man sich erstmals an der Erforschung der politischen Geschichte. Weitere Untersuchungen befassen sich mit der Töpferei, der Umwelt und der Obsidianverarbeitung.

 

Die Ausgrabungen dauern unvermindert an, während zugleich die Zahl der Touristen stetig ansteigt.

 

Am 4. August 2010 wurde bekannt gegeben, dass der Eingang zu dem 2003 nahe dem Tempel der Gefiederten Schlange mit Bodenradar entdeckten, etwa 100 Meter langen Tunnel an der erwarteten Stelle lokalisiert werden konnte. Der Tunnel war 1800 Jahre lang verschlossen, und es wird damit gerechnet, dass am anderen Ende die Grabkammern der alten Herrscher von Teotihuacán liegen könnten. Im November 2010 wurde der geöffnete Tunnel erstmals mit einer ferngesteuerten fahrbaren Kamera erforscht.[29]

 

Ende des Jahres 2011 entdeckten Forscher im Zentrum der Sonnenpyramide von Teotihuacán Überreste von Opfergaben, die vermutlich auf die Zeit um 100 nach Christus datieren. Die Forscher hoffen, durch die Gegenstände aus Keramik, Obsidian, Jade und Tierknochen sowie die insgesamt sieben Gräber von Menschen, die wahrscheinlich rituell geopfert wurden, Rückschlüsse auf die Erstbesiedlung der Stadt ziehen zu können

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.