Freitag, 11. März 2016

Die Welt hängt am Öltropf


Die Welt hängt am Öltropf

Author D.Selzer-McKenzie

https://youtu.be/swwCariycvM

 

Das hohe Ölangebot hält die Preise für den Rohstoff niedrig - mit spürbaren Auswirkungen auf die Kapitalmärkte und die Geldpolitik weltweit. Erst im Jahresverlauf könnte mit einer moderaten Erholung gerechnet werden. Doch Unsicherheiten bleiben - für Anleger, Unternehmen und Volkswirtschaften.

Sich einmal wie ein Ölmagnat fühlen: In North Dakota braucht es dafür nicht ein¬mal mehr ein prall gefülltes Bankkonto. Schon 380 US-Dollar reichen aus, um

einen 40.000-Liter-Tanklaster randvoll

 

Preisdruck durch Überangebot

Bestimmend für die derzeit vergleichsweise niedrigen Ölpreise ist in erster Linie die Ange-botsseite. Denn seit Anfang 2014 steigt nach Angaben der US-Energie-Informations-Behör-

 

de (EIA) die globale Ölproduktion tendenziell stärker als der Verbrauch, wozu maßgeblich die Ausweitung der US-Förderung durch das sogenannte Fracking beigetragen hat. In der Folge wird seither mehr Öl gefördert als konsu-miert (siehe Grafik S. 2): Betrug 2014 das welt-

weite Überangebot laut EIA durch-

schnittlich 0,9 Millionen Barrel pro Tag, waren es vergangenes Jahr bereits 1,9 Millionen Barrel - das entspricht rund 80 Prozent des Tagesverbrauchs an Erdöl in Deutschland.

Für den Ölpreis hatte diese Ent-wicklung verheerende Folgen: Die bei¬den bedeutendsten Ölsorten Brent und WTI verloren vom Spätsommer 2014 bis heute rund 65 Prozent ihres Wertes in US-Dollar. Mit 18 Monaten ist es zu¬gleich die längste Phase tendenziell fallender Ölpreise seit der Asienkrise Ende der 1990er-Jahre. Ausschlag¬gebend dafür war und ist, dass die wichtigsten Ölförderländer, anders als

in vergangenen Krisenzeiten, auf      die sinkenden Preise nicht mit einer Drosselung ihrer Fördermengen reagierten. Im Gegenteil: Neben den USA erhöhten auch Russland sowie die 13 Mitgliedsstaaten der OPEC (Organisation erdölexportierender Län¬der) ihre Produktion immer weiter. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Zum einen kann selbst bei den stark gesunkenen Preisen mit dem Ver¬kauf von Erdöl noch Geld verdient werden. In Saudi-Arabien zum Beispiel liegen die margina¬len Produktionskosten — also die Förderkosten in einem erschlossenen und infrastrukturell ausgebauten Gebiet — bei 3 bis 4 US-Dollar pro Barrel. In den USA sind sie mit durchschnittlich 17 US-Dollar zwar deutlich höher, liegen aber immer noch unter den aktuellen Verkaufsprei¬sen. Ähnlich günstig wird auf dem russischen Festland gefördert. Zudem kommt Russland zugute, dass seine in heimischer Währung aus¬gewiesenen Öleinnahmen durch den zuletzt unter Druck geratenen Rubel gestützt werden.

Zum anderen müssen zum Beispiel Russ¬land und Saudi-Arabien schlichtweg weiter produzieren, da ein wesentlicher Teil ihrer staatlichen Sozialleistungen über die Einnah¬men aus dem Ölgeschäft finanziert wird. Schon heute reißen die gesunkenen Ölpreise erhebliche Löcher in ihre Staatshaushalte. Ein weiterer Wegfall dieser Erträge — und sei er auch nur kurzfristig — hätte gravierende gesell¬schaftliche und innenpolitische Folgen.

Investitionen brechen ein

Ein weiteres Problem wird deutlich, wenn man die Vollkosten eines Barrels Erdöl betrachtet —also Produktionskosten inklusive Exploration und Erschließung: Mit mindestens 55 US-Dol¬lar liegen diese deutlich über den derzeitigen Verkaufspreisen. Als Folge haben Ölfirmen weltweit nach Angaben der Beratungsgesell¬schaft Wood Mackenzie im Jahr 2015 Investiti¬onen von 380 Milliarden US-Dollar aufgescho¬ben. Das ist für die Ölindustrie und deren Zulieferer, aber insbesondere für die einst florie-

 

renden US-Frackingunternehmen ein Hemm-schuh: Denn anders als bei klassischen Förder-verfahren bedarf es beim Fracking ständiger Investitionen, da die einzelnen Bohrlöcher sich vergleichsweise schnell zusetzen und daher regelmäßig neu „gefrackt" werden müssen. Das macht die Technik zunehmend unrentabel. Die Fördermengen werden in diesem Jahr vermut¬lich entsprechend signifikant sinken.

Keine Trendwende, aber allmähliche Erholung in Sicht

Derzeit rechne ich für das laufende Jahr mit einer langsamen Erholung auf dem Ölmarkt —auch wegen der Entwicklung in den USA. Der Boden bei den Ölpreisen dürfte spätestens zur Jahresmitte erreicht sein und der Verkaufspreis sich im Jahresmittel bei rund 50 US-Dollar pro Barrel einpendeln. Ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage erwarte ich erst 2017. Selbst diese moderaten Erholungstendenzen sind allerdings mit einigen Unsicherheiten be¬haftet. Schließlich ist der Ölmarkt derzeit auch ein politischer Markt. So bleibt es abzuwarten, wie die OPEC sich in den kommenden Monaten verhalten wird und welche Rolle insbesondere die Ölgroßmacht Saudi-Arabien und der Iran, nach dem Fall der gegen ihn gerichteten Sank¬tionen, dabei spielen werden.

Hohe Korrelation setzt Märkte unter Druck

Aus Anlegersicht ist in der momentanen Situa¬tion ein Engagement im Ölsektor weiterhin nur begrenzt angezeigt — insbesondere aufgrund der aktuell sehr hohen Prognose-Unsicherheit beim Erdölpreis. Einzig besonders innovative und damit anpassungsfähige Energieunterneh¬men mit starken Bilanzen könnten derzeit aus meiner Sicht möglicherweise für ein Investment infrage kommen. Voraussetzung dafür sind jedoch eine vorherige intensive und genaue Marktanalyse sowie eine pro-

 

fessionelle und sorgfältige Auswahl möglicher Unternehmen.

Und selbst wer nicht direkt im Energiesektor investiert ist, spürt die Turbulenzen vom Öl¬markt. So ist insbesondere in den USA die Kor¬relation zwischen Ölpreis und Aktienkursen signifikant: Trotz ihrer bedeutenden Ölindustrie wurde der sinkende Ölpreis dabei bis zur Marke von 40 US-Dollar/Barrel am US-Aktienmarkt eher positiv interpretiert, da er die Kaufkraft der Verbraucher ankurbelte. Mittlerweile über¬wiegen dagegen die negativen Einschätzungen. Die in diesem Zusammenhang von einigen Marktteilnehmern befürchtete Destabilisierung des US-Finanzsystems erwarte ich jedoch nicht. Zwar könnte es im US-Anleihemarkt in den kommenden Monaten zu einem Anstieg der Ausfallraten im stark von Ölfirmen besetz¬ten Hochzinsbereich auf rund 10 Prozent kom¬men. Jedoch stehen Hochzinsanleihen in den USA derzeit nur für 2 Prozent der ausstehenden Kredite. Zum Vergleich: Am Beginn der Sub-prime-Krise 2007 machten Hypothekenschul¬den rund 30 Prozent der Forderungen aus.

 

 

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