Mittwoch, 30. März 2016

Toronto Canada


Toronto Canada

Author D.Selzer-McKenzie

https://youtu.be/CflNyq6DzdI

Am nordwestlichen Ufer des Ontariosees liegt Kanadas größte Stadt, Toronto.

Sie ist Finanzmetropole, Kulturstadt, Sporthochburg - und Schmelztiegel der Kulturen. Und sie gilt als beste „Street Art City" der Welt.

 

            „Ist das Kunst oder nicht?" Etwas ratlos steht eine kleine Gruppe um eine Toilette am Straßen¬rand. Vom hochgeklappten Deckel grinst sie ein ausgeschnittener Kopf mit Hörnern und Riesen-zähnen an. „Ja" sagen die einen, „niemals" die anderen. „Warum nicht?" ist die Meinung, die Kit Weyman am besten gefällt. Der 30-Jährige ist Schauspieler, Rapper und hat sich selbst schon mit dem einen oder anderen Werk an den roten Backsteinmauern Torontos verewigt. Heute führt er Gäste und lenkt deren Aufmerksamkeit auf die Graffitis, für die seine Heimatstadt weltweit bekannt ist. Auch wenn sie nicht jeder liebt.

Bunte Mischung am Baum

Treffpunkt ist der „Hug Me Tree". Rosa steht der bemalte Baumstumpf an der Ecke Queen Street West und Peter Street. Rundum das lebhafte Trei-ben einer vormittäglichen Stadt: Autos hupen, ein Arbeiter in Leuchtjacke und mit einem Schild in der Hand leitet den Verkehr an einer Baugrube vorbei. Auf dem breiten Trottoir passieren Men¬schen mit Aktentaschen und Einkaufstüten. Da¬zwischen ein junger Mann mit rotem Rennrad und voluminösem Wollschal um den Hals.

„Willkommen in Toronto!" Kit Weyman begrüßt nicht nur seine Begleiter für einen Vormittag. Auch der rosa Stumpf bekommt eine Umarmung. Und die Gäste eine Erklärung, was es mit dem um eine Liebkosung buhlenden, bemalten Baum-Rest auf sich hat. Seit 1999 steht er an prominen-

 

 

Kit Weyman erklärt seinen Gästen die Graffitis von Toronto und den „Hug Me Tree".

ter Stelle. Das hug, das umarmen heißt, geht ei¬gentlich auf die Initialen von Elicer Elliott und seine Sprayer-Freunde zurück. H.U.G. steht für „History unleashes genious". Irgendwann kam das „Me" dazu, und der mittlerweile berühmte Treffpunkt war geboren.

„Wie sieht er gerade aus?" fragt Kit, der länger nicht in der Stadt war, tritt einen Schritt zurück und erklärt auch das. Wie Graffitikunst im All¬gemeinen, ist auch der „Hug Me Tree" extrem

 

wandlungsfähig. Mal ist er dezent, mal trägt kräftig bunt. Kleine Häuschen wuchsen sch aus den Aststummeln, und als er 2008 aus uni klärter Ursache zu Sturz kam, sollte er ganz v der Queen Street West verschwinden. Doch c Intermezzo in einer Galerie währte nur kurz. V zu sehr hatte ihn Toronto ins Herz geschlosst So steht er nun sicher auf einem eisernen Soc und verheißt denen Glück, die ihn drücken. Nur eine Häuserecke weiter wird es ruhig: Wob gebiet statt Einkaufsstraßen. Ein verwilder Hinterhof. Eichhörnchen huschen zwischen ten und Balkonen rum. Kit lehnt sein Rad an ( Mauer und erzählt, wie in den späten 80er- u 90er-Jahren die Graffiti-Szene Toronto für si entdeckte. Stark war dabei der Einfluss von N York, und bis heute kommen Künstler aus al Welt, um hier auf Wände zu sprühen. Unter a derem der ominöse Bansky, der mit schablont artigen Figuren auf gesellschaftspolitische Pf bleme aufmerksam macht und dessen wal Identität niemand kennt. Am Rande des interr tionalen Toronto Filmfestivals hat sich der WE weit größte Graffiti-Künstler auf einigen Maut verewigt. Ob das legal war?

Zwischen Kunst und Kriminalitä

Kit erklärt die verschiedenen Formen von Graf und dass längst nicht jeder gut findet, was Far auf Backstein und tristen Beton bringt. Kunst es für die einen, Vandalismus für die ander(und der wird bekämpft, wo es nur geht. Schließlich soll in der 2,6-Millionen-Stadt keiner auch nur an-satzweise Assoziationen zwischen Graffiti und Kriminalität ziehen. Politische Kampagnen und Polizeiprogramme sollen helfen, Gut von Böse zu unterscheiden. Mit Flugzetteln und Telefon-Hot¬line werden Eltern aufgeklärt, wie sie erkennen, ob ihre Kinder in der Szene unterwegs sind.

Andererseits gibt es eine beachtliche Fangemein¬de weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Der Kompromiss ist ein 1996 verabschiedetes „Graf¬fiti Transformation Program", in dessen Zug bis heute 430 Mauern zum Bemalen freigegeben wurden und auf Wunsch Kontakt zu Künst¬lern hergestellt wird, während unerwünscht Gespraytes verschwindet. Kit zeigt auch Wände, bei denen man am leichten Graustich erkennt, dass hier Farbe beseitigt wurde.

Tags, Throw-ups und Pieces

Aber zuerst gibt es das kleine Graffiti-Einmal¬eins: Da sind die „Tags", die Schriftzüge der „Wri-ter" (wie sich die Sprayer selbst nennen), eine Art Duftmarke, um seinen Namen irgendwo zu ver¬ewigen. Dann die „Throw-ups", zumeist impro¬visierte Stücke, die im Vorbeigehen entstehen.

 

Dafür muss man schnell sein, um nicht erwischt zu werden. Großflächige, bunte „Pieces" brau¬chen indes Vorbereitung und Zeit. Wie etwa beim alljährlichen Urban-Art-Festival im Mai, dem größten Graffiti- und Hip-Hop-Jam Kanadas.

Gar nicht stilles Örtchen

Mit einigermaßen geschultem Auge und geschärf-ten Sinnen geht es dann in die Graffiti Alley: Eine schmale Straße mit unspektakulären Häusern und kleinen Höfen, die ein einziges Wandbild ist. An ihrem Ende, dort, wo es wieder belebt wird, steht das gar nicht stille Örtchen. Bei näherer Be¬trachtung zeigt es einen kauernden Menschen. Indem es zur Diskussion animiert, hat es längst seinen Zweck als Kunstwerk erfüllt.

Nach konzentriertem Wandschmuck gibt es nun konzentriertes Stadtleben. Graffitis entdeckt man auch hier. An Häusern, auf Briefkästen und Stra¬ßenschildern, sogar auf dem Asphalt. Immer wieder begegnet einem der knallgelbe Vogel von Uber oder die kleine Stickman-Figur. Aber im lebhaften Treiben von Kensington Market gibt es noch viel mehr zu entdecken, zu hören und zu riechen. Musik klingt durch die Straßen. Es duf¬tet nach Gebäck. Menschen unterschiedlichster

 

Kulturen bummeln durch die Straßen, sitzen mit Milchkaffee in der Sonne oder stehen Schlange vor dem Käseladen, der auch Allgäuer Bergkäse auf seiner Angebotstafel stehen hat. „Von Früh¬ling bis Herbst ist hier jeden letzten Sonntag im Monat Straßenparty", erzählt Kit. Die kulturelle Vielfalt ist die große Stärke Kanadas. Es gibt Little Italy, Little Portugal, Greek- und Korea-town und allein sechs Chinatowns, aber selbst dort mischen sich die Kulturen. Miteinander statt ethnische Ghettos fördert das Gemeinschaftsge¬fühl in der Stadt, in der 130 Sprachen gespro¬chen werden und die dafür berühmt ist, dass man auch nachts ohne mulmiges Gefühl durch ihre Straßen flanieren kann.

Wer einigermaßen gut zu Fuß ist, folgt der Young Street bis ins Bankenviertel mit seinen glänzenden Wolkenkratzern und macht einen Schlenker zum 553,33 Meter hohen CN-Tower. Im Aufzug geht es hinauf zum Space Deck des lange Zeit höchsten frei stehenden Gebäudes der Welt. Graffitis sieht man von hier oben selbst mit dem Fernglas nicht. Dafür aber die Straßen, denen man auf der Suche nach der Kunst an den Wänden gefolgt is

 


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