Mittwoch, 28. Oktober 2015

Dorf Sapanta Rumänien


Dorf Sapanta Rumänien

Author D.Selzer-McKenzie

Video: https://youtu.be/Bc6PNFjZMQc

Kein schlechter Scherz: Auf dem Friedhof des rumanischen Dorfes Sapanta gedenkt man den Verstorbenen nicht in stiller Trauer. Bilder und Gedichte auf den Grabkreuzen erzahlen ihre Lebensgeschichten und bringen Besucher oft zum Schmunzeln.

Von den Kreuzen schimpft und spottet, neckt und schakert es. Mal wirken die in holprigen Reimen verfassten Spriiche vorwurfsvoll wie die Kommentare eines Moralapostels. Mal sprechen sie kumpelhaft mit einem Augenzwinkern zu den Besuchern. Die Inschriften erzahlen vom Leben und den kleinen und grof3en Lastern der Verstor-benen. Dazu gibt es was aufs Auge: Wegen der bunten Bilder erinnert der Friedhof eher an eine Comic-Ausstellung als an eM Graberfeld.

Verkehrte Welt: Eigentlich sind Friedhofe ja Orte der Stille und der Einkehr. Doch auf diesem be-gegnet man dem Tod ganz offensichtlich mit Hu¬mor und einer Portion Selbstironie. Kein Wunder also, dass der „frohliche Friedhof" des Dorfes Sapanta zur Besucherattraktion geworden ist. Die Touristen schauen sich die vielen hundert Kreuze indes nur an und reisen dann weiter. Fiir diejeni-gen, die hier begraben sind, gibt es dagegen kein Entkommen.

Schicksale illustriert

Wer das Pech hatte, das Zeitliche auf auBerge-wohnliche Weise zu segnen, findet sein Schicksal prompt auf dem eigenen Grabkreuz dokumen-tiert. So sieht man, dass die Menschen aus Sapanta von Auto oder Zug iiberfahren, per Stromschlag zu Tode gekommen, erschossen oder verstiim-melt worden sind. Die guten und die schlechten Eigenschaften der Toten sind dokumentiert. Die negativen sind naturlich interessanter, und wirk-lich jeder, der es verdient, bekommt hier seinen Senf ab. Der Alkoholiker („Wem der Schnaps gut schmeckt, wird es Dir ergehen wie mir") und die Dame, die immer den schonen Mannern zugetan war („Solange ihr auch am Leben bleibt: Wie mich

 

Auch ohne Rumanisch zu sprechen, versteht

man die Bilder auf

den Grabkreuzen.

findet ihr keine."). Bei ihren Hinterbliebenen alles andere als beliebt war dagegen wohl diese Dame: „Unter diesem schweren Kreuz liegt meine arme Schwiegermutter. Hatte sie noch drei Tage langer gelebt, so wiirde ich dort unten liegen. Sei leise und wecke sie nicht auf.  Sonst kommt sie zu-ruck nach Hause. Bleib, wo Du bist, meine Liebe Schwiegermutter!"

Die Vergangenheit

ist an jeder Ecke zu finden

Maramures liegt im Norden Rumaniens an der ukrainischen Grenze und ist die urspriinglichs-te Region des Landes. Man erzahlt sich, dass die Uhren hier nicht die Zeit messen, sondern die Ewigkeit. Bei den knapp 500.000 Einwohnern fiihlt man sich ziemlich weit weg von der eine Tagesreise entfernten Hauptstadt Bukarest. Wer quer durchs Land fahrt, wahnt sich in der Kulisse eines Historienfilms. Pferdewagen zuckeln uber Feldwege, Bauern in Tracht dengeln ihre Sensen fur die letzte Heuernte, junge Burschen treiben am Abend die Kiihe von der Weide in den Stall. Sicher ist sicher: In den Waldern des Rodna-Na-tionalparks tummeln sich Baren und Wolfe.

Auch viele der Dorfer sind bislang vom Reno-vierungswahn verschont geblieben. Entlang der StraBen stehen prachtige Holztore Spalier. Frilher waren sie Statussymbole - an ihren Ver-zierungen lief3 sich ablesen, wie wohlhabend der Hofbesitzer war und wie viel Forst er sein Eigen nannte. Manche Tore sind im Laufe der Zeit

verwittert, so dass man die Sonnen, Kreuze und gedrehten Seile kaum mehr erkennen kann. An-dernorts werden sie ersetzt, denn kundige Holz-schnitzer gibt es immer noch.

Weltkulturerbe aus Holz

Die meisten Touristen reisen der typischen Holz-kirchen wegen nach Maramures. Anhangern der orthodoxen Kirche war es friiher verboten, ihre Gotteshauser aus Stein zu errichten. Deswegen bauten die Menschen ihre Kirchen mit machti-gen Balken aus Buchen-, Eichen-, Ulmen- und Tannenholz. Wie durch ein Wunder haben die meisten dieser Meisterwerke den Wandel der Zei-ten iiberdauert. Im Gebaude erwarten einen auf Holz gemalte Fresken mit Szenen aus dem Alten Testament, steile Dacher mit Holzschindeln und spitze Glockentiirme. Acht der Kirchen wurden inzwischen von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt.

Diesen Status hat der frohliche Friedhof noch nicht. Mit dem Ulk angefangen hat der Zimmer¬mann Stan Joan Patras: In den 1930er-Jahren fertigte er das erste Kreuz fiir einen Verwandten. Immer mehr Dorfbewohner wollten anschlie-fIend ebenfalls mit Bild und Holpervers in die

 

Unterrichtet auch noch auf dem Friedhof: Grabstatte einer Lehrerin.

Geschichte eingehen. Stan Joan Patras hangte seinen alten Beruf an den Nagel und fertigte viele hundert Kreuze an, bis er 1977 selbst an der Rei-he war. Sein Kreuz ziert ein sehr wohlwollender Spruch: „Mein ganzes Leben lang habe ich nichts Boses getan: Jedem, der mich brauchte, habe ich geholfen."

Seither fiihrt sein damaliger Lehrling Dumitru Pop die Tradition fort. Man hat den Eindruck, er gehe etwas behutsamer mit den Dorfbewohnern um als sein Lehrmeister: Er zeigt eine alte Dame an der Nahmaschine, einen Bauern beim Melken, einen Steiger im Bergwerk, einen Brieftrager mit der Post und einen Elektriker beim Reparieren eines Fernsehers. Ist also alles in Butter im Dorf? „Ach was: Die Laster der Verstorbenen kehre ich nicht unter den Tisch", sagt Dumitru Pop und zi-tiert den Spruch auf einem seiner Werke. Da hat ein Mann wohl zu haufig den lokalen Spirituo-sen zugesprochen: „Noch trank ich Schnaps be-schwingt und munter, da zerrt der Tod ins Grab mich runter."

Bilder, Gestaltung und Spruch bestimmt der Holzschnitzer ohne Riicksprache

mit den Angehorigen. Auch der Pfarrer mischt sich nicht ein - es hate keinen Zweck. Erst bei derBeerdigung erfart das Dorf also, welches Bild und welchen Spruch sich Dumitru Pop in seiner Werkstatt iiberlegt hat. Die Angehorigen miissen mit seinem Urteil leben - und der Tote kann sich ohnehin nicht mehr beschweren. Einen Ausweg gibt es allerdings: Man kann sich auch anderswo beerdigen lassen und sein Grab von jemandem gestalten lassen, der einen nicht aufs Korn nimmt.

Ich kenne jeden hier, vom kleinsten Kind bis zum altesten Mann. Da weig ich immer, was ich zu schreiben habe", sagt Dumitru Pop. „Und ich ver-gesse nichts: Seit 38 Jahren mache ich nur Kreuze ¬mein Gedachtnis ist mein Kapital." Mit 60 Jahren ist er aber nicht mehr der Jungste und sieht sich nach einem Lehrling um. Hat er deswegen sein ei-genes Holzkreuz eigentlich schon geschnitzt? Oder geht er das Risiko ein, sich von seinem Nachfolger beurteilen zu lassen - oder gar von der versammel-ten Dorfgemeinschaft? Dumitru Pop grinst - und bleibt die Antwort schuldig





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