Montag, 12. Oktober 2015

Kongo


Kongo

Ein Reisebericht von D.Selzer-McKenzie

Video: https://youtu.be/GQjF1AJh9X0

Der Flughafen N'djili in Kinshasa genießt keinen guten Ruf. Berichte über böse Erfahrungen europäischer Einreisender liegen im Übermaß vor. Ich habe mich im Vorfeld der Reise darauf vorbereitet, bin auf das Schlimmste gefasst: schlep-pende Abfertigung, raffgierige Zöllner, willkürliche Durch-suchungen des Gepäcks (natürlich mit der Möglichkeit, dass anschließend etwas fehlt), entwendete Pässe (die nur noch gegen Zahlung irgendwelcher Gebühren zurückerstattet werden), fehlendes Gepäck (das erst mithilfe von ein paar Dollars auftaucht), Vertreter der Gesundheitsbehörde, die den Nachweis der Gelbfieberimpfung nicht anerkennen wollen usw. Das alles in einer engen, stickigen und he¬runtergekommenen Ankunftshalle. Es ist das alte Lied: Der weiße Flugreisende als willkommenes Opfer! Aber es gibt Wunder in Afrika, und zwar in beide Richtungen — gut wie übel.Jedenfalls staune ich nicht schlecht: eine problemlose Einreise, keine Abzocke, keine nervige Anmache. Auch das Gepäck wird zeitnah ausgeliefert.

Wie eine Schlange im Herzen Afrikas

Ich bin mit einer Gruppe von sechs Touristen in Kinshasa an¬gekommen. Zwar hat uns der deutsche Reiseleiter im Stich gelassen, aber wir sind nicht auf uns allein gestellt. Die ein¬heimischen Reiseführer Daballa und Sambo haben es—aus Kamerun kommend — gerade noch rechtzeitig hierher ge¬schafft, um uns in Empfang zu nehmen. Sie werden in den nächsten zwei Wochen besorgte und wertvolle Begleiter sein. Es folgt eine nächtliche Autofahrt in das 3o Kilometer ent¬fernte Zentrum von Kinshasa, genauer in die Sicherheit der katholischen Missionsstation Sainte Anne. Die Unterkunft ist beliebt bei den Angehörigen von Hilfsorganisationen. Günstig gelegen, bietet sie zwar einfache, aber preiswerte und saubere Zimmer. Eine kleine Bar dient als abendlicher Treffpunkt. In meinen Kindertagen, als ich anfing, mich für die Weite der Welt zu interessieren, hieß die Stadt noch Leo¬poldville. Und das dazugehörige Land Belgisch-Kongo. Der mächtige Kongo-Fluss beflügelte zusätzlich meine Fantasie. Denn wie eine Schlange windet sich dieser zweitlängste Fluss Afrikas durch das Herz des Kontinents. Mit einem Schwanz, der tief in den Süden hinunter baumelt, einem Mittelstück, das sich nach Norden aufbäumt, und mit einem Kopf, der westlich von Kinshasa den Südatlantik erreicht.

Nicht Stadt, nicht Dorf

Die geschätzt neun Millionen Einwohner machen Kinshasa zur drittgrößten Stadt Afrikas (nach Kairo und Lagos). Aber eine Stadt im Sinne europäischer Metropolen ist Kinshasa eigentlich nicht. Am Boulevard des 3o. Juni deutet sich so et¬was wie eine großstädtische Bauweise an. Diese beschränkt sich aber auf wenige Straßenzüge. Selbst im Zentrum sind die Nebenstraßen unasphaltiert, steinig und unbeleuchtet. Eine Handvoll breiter, mehrspuriger Schneisen — Avenuen oder Boulevards genannt— bilden die Hauptverkehrsadern der Stadt. Links und rechts davon ein städtisches Weichbild aus

 

steinernen Häusern,windschiefen Hütten, Bretterbuden und irgendwie Zusammengezimmertem. Eine nicht zu definie-rende Gemengelage: nicht Stadt, nicht Dorf, aber immer und überall voller Menschen. Die Minderheit, die etwas zu verlie¬ren hat, verschanzt sich in ihren Villen. Hinter hohen Mauern, versehen mit Stacheldraht und Glasscherben.

In der Fläche erscheint diese Millionenstadt eher wie eine Ansammlung riesiger Dörfer. Ein Meer von rostigen Well-blechdächern im Grün der äquatorialen Hügellandschaft. „Kin" — so die ortsübliche Abkürzung — ist eine Stadt, in der Slums und Armenviertel das Normale sind. Die meis¬ten Bewohner dieses Molochs leben sprichwörtlich von der Hand in den Mund. Kleinhandel dominiert, reguläre Beschäftigungsverhältnisse sind selten. Der Staat selbst zahlt schlecht und unregelmäßig. Ein Umstand, der die grassierende Korruption geradezu beflügelt. Kinshasa ist eine Stadt, in der so gut wie nichts funktioniert, zumin¬dest nach europäischen Maßstäben. Selbst in den besseren Vierteln der Stadt fällt — oft mehrfach täglich — der Strom aus. Wohl dem, der sich ein Notstrom-Aggregat leisten kann. Das Wasser sollte man nicht trinken. Kanalisation und regelmäßige Müllabfuhr sind zu vergessen. Es riecht nach Kloake und Müllkippe.

Vermutlich gibt es in Kin mehr Handys als Toiletten. Vor al-lem nach den üblichen tropischen Regenfällen verwandeln sich die städtischen Feldwege in einen breiigen Morast. Ein funktionierendes Nahverkehrssystem fehlt weitgehend. Staus sind an der Tagesordnung, zumal auch hier—wie in anderen afrikanischen Großstädten — die Motorisierung schneller zunimmt, als es der Ausbau der Infrastruktur ei-gentlich zulässt. Und dennoch: Die größte frankophone Stadt auf dem Kontinent ist ein Magnet. Kinshasa zählt zu den am schnellsten wachsenden Städten der Welt. Und das, obwohl die offenkundigen sozialen Verwerfungen der Nor-malzustand sind.

  Wo Europäer verzweifeln

Millionen Menschen — was tun die eigentlich? Sie fahren, warten, stehen, sitzen, schlafen. Wovon leben diese Millio-nen? Das Geheimnis afrikanischer Ökonomie ... Die Produk-tivität ist gleich null. Es gilt, sich durchzuschlagen mit dem Verkauf von ein paar Packungen Tempotaschentüchern, um nur ein Beispiel zu nennen. Keine Touristen weit und breit. Die wenigen Europäer, Amerikaner (und neuerdings Chine-sen) sind praktisch nur als Geschäftsleute oder als Angehö¬rige von Hilfsorganisationen in Kinshasa anwesend.

Nichts ist einfach in dieser Stadt und in diesem Land. Man kann aber den Überlebenswillen, die Lebenskraft und das Improvisationsgeschick dieser Menschen, die hier leben, nur bewundern. Man kann staunen darüber, wie die widri-gen Alltagsumstände gemeistert werden. Wo Europäer ver-zweifeln würden, entwickeln die Kongolesen dennoch eine Lebensfreude, die offenkundig nicht am Wohlstand hängt. Aber Millionen wollen das Land lieber heute als morgen ver¬lassen — wenn sie nur könnten.

Kriege, Massaker und Zerstörung

Seit dem Sturz des grausamen Diktators Mobutu im Jahr 1997 nennt sich das zweitgrößte Land Afrikas Demokrati-sche Republik Kongo. Das Beiwort „demokratisch" hätte man sich schenken können, daran glaubt ohnehin niemand. Mehr als andere Regionen Afrikas hatte der Kongo unter kolonialen Verbrechen zu leiden, die einem noch heute den Atem rauben können. Aber auch nach der Unabhängigkeit 1961 ist dieser „Bauch des afrikanischen Kontinents" nie zur Ruhe gekom¬men. Im Gegenteil: Eine schier nicht enden wollende Abfolge von Kriegen, Massakern, Zerstörungen, politischen Morden hat die Lebens¬grundlage der Menschen zerrüttet.

70 Centaur

 

Die brauchbare Infrastruktur der Kolonie wurde ruiniert. Und die Milliarden an Entwicklungshilfe haben sich buchstäblich in Luft aufgelöst. Auf dem Human Development Index der UNO steht das Land auf dem hintersten Rang. Die durch¬schnittliche Lebenserwartung liegt bei nur 5o Jahren. Trotz der Segnungen mit fruchtbaren Böden und mit Rohstoff¬reichtümern regieren bis heute Armut, erdrückende Korrup¬tion, marodierende Banden und eine unfähige Politikerkaste nebst ausufernder Staatsbürokratie. Mit anderen Worten: Das Land ähnelt in vielerlei Hinsicht dem, was man einen zerfallenden Staat nennt.Wer in die Abgründe der kongolesi¬schen Vergangenheit und Gegenwart eintauchen, wer mehr über den alltäglichen Irrsinn, aber auch über die Vitalität der kongolesischen Gesellschaft erfahren möchte, der sei a uf das vorzügliche Buch „Kongo" des flämischen Historikers David van Reybrouck hingewiesen.

Foto-Erlaubnis für jeden Ort

Der Kongo gilt unter Globetrottern als eines der am schwie¬rigsten zu bereisenden Länder der Welt. Die fehlende tou¬ristische Infrastruktur ist dabei das eine, ebenso die nicht zu unterschätzende Alltagskriminalität und das beständig feucht-heiße Klima, die gesundheitlichen Herausforderun¬gen. Die fortgesetzte Belästigung durch Uniformträger und Offiziel¬le ist das andere. Diese sehen im Weißen stets eine günstige Ge¬legenheit, das knapp bemessene Monatsgehalt aufzubessern.

Ich persönlich habe noch keine Re¬gion erlebt, in der das Fotografie¬ren dermaßen erschwert wird wie im Kongo, sieht man vielleicht von der früheren Sowjetunion ab, wo

So stellt man sich dort die Zukunft vor: „Lasst uns die Steuern für einen modernen Kongo zahlen"

der Spionageverdacht gegenüber dem Fremden allgegen-wärtig war.Theoretisch braucht man für jeden (!) Ort ein „Foto-Permit", also eine spezielle Erlaubnis. Kostenpunkt jeweils zo Dollar. So schreibt es Sean Rorison im „Bradt-Reiseführer". Ich habe die Probe aufs Exempel nicht gemacht. Aber un¬sere afrikanischen Begleiter haben uns ein ums andere Mal vor dem Fotografieren gewarnt: keine Uniformträger, keine Offiziellen jeglicher Art, keine Flughäfen, keine Brücken, kei¬ne Hafenanlagen, keine Grenzabfertigungen, keine Minis¬terien, keine Botschaften, keinen Präsidentenpalast — und Militäranlagen sowieso nicht. Man ist also gut beraten, die Kamera möglichst unauffällig zu nutzen.Aber irgendjemand wird den europäischen Touristen immer beobachten, aufge¬brachte Reaktionen inbegriffen.

Die Macht des Stempels

Hier am Kongo ist der einzige Ort auf der Welt, wo sich zwei Hauptstädte gegenseitig ansehen können. Kinshasa auf der südlichen Seite und Brazzaville, Hauptstadt der Republik Kongo, auf der nördlichen. Dazwischen liegt der Kongo-Fluss, ungefähr drei bis vier Kilometer breit. Aber wer glaubt, es sei ein Leichtes, den Fluss zu überqueren, hat sich geirrt. Selbst wenn alle Papiere vollständig und korrekt sind. Wer glaubt, er könne gegen die ungeschriebenen Gesetze der

 

Kong Report

Korruptionskultur verstoßen, der kann lange warten. Ohne Mittelsmänner läuft nichts. Zwei Stunden vor der Überque-rung werden die Pässe durch einen Agenten zur Fährstati¬on gebracht. Dort werden die Grenzformalitäten erledigt. Wer was wo erledigt — man weiß es nicht! Aber was man weiß: Dass der Stempel in Afrika Macht bedeutet! Kein Of¬fizieller gibt ihn aus der Hand. Dieser Umstand hemmt die Abwicklung eines jeden bürokratischen Vorgangs. Was wir Europäer als Missbrauch einer Funktionsstelle verstehen, ist nach afrikanischen Maßstäben ein Teil der Alltagskultur. Also ganz normal.

Eine kafkaeske Situation: Wir werden durch einen düsteren, vergitterten Gang geschleust. Wie Gefängniszellen. Dann am Fluss: wieder alles vergittert. Der Steg in Sichtweite. Von einem fahrplanmäßigen Fährbetrieb, wie man sich ihn zwi¬schen Millionenstädten vorstellen könnte, keine Spur. Kleine, private Boote übernehmen die FahrtTeuer! Genauso wie die Abfertigung. Irgendjemand kommt mit den Pässen. Die ei¬serne Kette am Gittertor wird geöffnet. Noch einmal werden die Pässe kontrolliert. Dann kann es losgehen. Aber zu wel¬chem Preis? Die Nichtregierungsorganisation Transparency International zählt die Demokratische Republik Kongo zu

den korruptesten Ländern der Welt.






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