Donnerstag, 27. August 2015

Bergwandern rund um Garmisch-Partenkirchen


Bergwandern rund um Garmisch-Partenkirchen

Author D.Selzer-McKenzie

Video: http://youtu.be/wpLzNa-Uepo

Geschichte hat ein Ende, auch unsere. Und einen Anfang — am Hauptbahnhof München, mitten im Herzen der Stadt. Li-na unternimmt mit ihrem Papa

einen Ausflug ins Gebirge. Genauer: ins Wetterstein. Nach Garmisch-Partenkir-chen und weiter zu Fuß zur Reintalanger-hütte. Das wird garantiert spannend, mit Übernachtung im Gebirge, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen.

»Werden wir da auch Tiere sehen?«, fragt sie, während Paps nachschaut, von welchem Gleis ihr Zug abfährt: 8.32 Uhr. »Ein paar Gämsen vielleicht.« »Und Mur-meltiere?« »Nein, aber einen Alpenelefan-

 

ten!« Lina schaut irritiert, dann muss sie lachen. »Selber Dickhäuter!«

Abfahrt München Hauptbahnhof. Sie steigen ein, verstauen die Rucksäcke, den großen von Paps und den kleinen der Tochter. Die wird morgen elf, und der Ausflug ist Papas Geburtstagsgeschenk. Ein bisschen beschenkt er sich dabei auch selbst, ist Bergsteigen doch seine Leiden-schaft, noch vor dem FC Bayern. Er kennt jeden Gipfel in Bayern, weiß Lina. Oder fast jeden.

Der Zug ist gerade halbvoll, höchs-tens. Paps holt seine Wanderkarte aus der Hosentasche, faltet sie auf. Lina versucht den auf dem Kopf stehenden Schriftzug

 

zu lesen: Wettersteingebirge. »Komischer Name«, befindet sie. Paps ist anderer Mei-nung. »Was hoch in den Himmel ragt wie der Wetterstein«, erklärt er, »sorgt für Be-wegung in der Atmosphäre. Das führt zu Niederschlägen, manchmal auch zu Un-wettern. Und was liegt da näher als dieser Name?«

Heute droht kein Wetter am Wetter-stein. Ein stabiles Hoch liegt über Bayerns Alpen, dazu sind angenehme Temperatu¬ren vorhergesagt. Etwas feucht könnte es trotzdem werden, aber nur am Weg durch die Partnachklamm. Da stieben die Wasser ganz ordentlich zwischen den Felsen, es tost und gischtet, du verstehst dein eigenes

Rauschendes, eiskaltes Berg-wasser beherrscht alle Zustiege.

Wort kaum und den einen oder anderen Spritzer kriegst du auch noch ab. Der Gang durch die spektakuläre Schlucht macht den Auftakt zur langen Talwanderung. Seit 1912 sind hier Touristen unterwegs, schon früher wurde die Partnach zur Trift z-mutzt, das geschlagene Holz jeweils im

 

Frühjahr, zur Zeit der Schneeschmelze, auf dem Wasserweg talwärts befördert. Ver¬keilten sich die Stämme in der Schlucht, wurden Holzarbeiter zum Wasser abge¬seilt. Mit langen Stangen, den sogenannten Grieshaken, versuchten sie, den Stau auf¬zulösen — eine lebensgefährliche Arbeit.

Der Zug fährt an, verlässt die Bahn-hofshalle. Lina hat ein Buch dabei, 280 Seiten Lesefutter. Sie ist eine echte Lese¬ratte (was Paps wirklich glücklich macht). Draußen vor dem Fenster huscht Mün¬chen vorbei: Innenstadt, Vororte, Gewer¬beparks, Wiesen und Wald. Am Horizont: die Berge, überwiegend sanft und grün die Voralpen, dahinter die Hochgipfel.

 

Ankunft Garmisch-Partenkirchen: Die rot lackierte Zugkomposition »Talent 2« der Firma Bombardier, die bis zu 160 Stun-denkilometer schnell sein enn, nimmt die letzten Kurven hinter Farchant. »Nächster Halt Garmisch-Parteikirchen«, lässt sich eine Lautsprecherstimme ver¬nehmen, »aussteigen in Fahrtrichtung links.« Die Bremsen greifen, fast geräusch¬los und ganz ohne Ruckeln wird der Zug langsamer, fährt ein in den Bahnhof, hält an. Die Fahrgäste, manche erkennbar aus Fernost stammend, steigen aus. Knapp anderthalb Stunden dauerte die Fahrt von München ins Werdenfelser Land, jede Stunde fährt ein Zug — im Werden-felser Takt. Den gibt's seit 1984, ein Jahr¬hundert zuvor, am 25. Juli 1889, traf der allererste Zug in Partenkirchen ein. Da wurde noch mit Kohle gefeuert, die Lok der DRG-Baureihe schleppte eine Tonne Brennstoff mit, dazu einen Wasservorrat von etwa 3500 Litern. Der Fortschritt war angekommen! Der Werdenfelser Anzei¬ger schrieb gar vom Beginn eines neuen Zeitalters. Darauf hatten die Leute unter der Alpspitze lange gewartet. Bereits 1876 sandte der Bezirk einen »Nothruf um die Erbauung einer Eisenbahnlinie« nach München: »Der unbedeutende Grundbe¬sitz, jetzt die Hauptnahrungsquelle, ver¬mag unsere Bevölkerung nicht zu einem Dritttheile zu ernähren. Alle Lebensmit¬tel sind in Folge dessen ungemein theuer. Unsere engen Gebirgsthäler liefern nur Viehfutter, beinahe gar kein Getreide und nur wenige Kartoffel. Wegen des Man- lgels an Verdienst werden — zum Schaden der Landwirthschaft — jährlich mehrere Tausend Zentner Heu ausgeführt, nur um sich Geld zur Beschaffung der nöthigen Nahrungsmittel und zur Bestreitung der Steuern zu machen. [...] Garmisch, der geographische und politische Mittelpunkt des Werdenfelser Bezirks, liegt 12 Stun¬den von der nächsten Eisenbahnstation, Weilheim, entfernt. Hiedurch ist nicht nur der persönliche Verkehr zum Ein-und Verkauf sehr erschwert, sondern sind auch die Frachten ungeheuer vertheuert und verlangsamt.«

Das Dampfross machte nicht nur das Leben leichter, es brachte auch Fremde ins Werdenfelser Land: Touristen. Das verhalf den Ortschaften am Fuß des Wettersteins zu einem ersten Boom, Gasthäuser wurden gebaut, Promenaden angelegt, und statt den Gämsen nachzu¬stellen, verdingte sich manch kräftiger Bursche nun als Bergführer.

Die erste Berghütte

Einzige Unterkunft im Gebirge war da¬mals die Reintalangerhütte am langen Weg zur Zugspitze, ein bescheidenes Holzhüttchen. Das erwies sich bald als zu klein, und so entschloss man sich beim DuÖAV zum Bau eines neuen Hauses. Das wurde 1912 eröffnet und steht heute noch, ganz weit hinten im Reintal, mitten

 

Das goldene Gipfelkreuz muss man sich erstmal verdienen...

in einer ebenso spektakulären wie idylli¬schen Kulisse — ein echter Sehnsuchtsort und weit genug vom Trubel drunten im Tal weg. Der grüne Flecken an der Part-nach zieht einen besonderen Menschen¬schlag an, und darunter waren — wen wundert's? — immer schon bekannte Bergsteiger: Willo Welzenbach, Willi Mer-kl, Anderl Heckmair, Hans Ertl, Hermann Buhl und viele andere. Emil Solleder er¬öffnete hier mit der »Fahrradlkant'n« ei¬nen absoluten Kletterklassiker. Wer die Route begehen will, sollte es aber besser ohne Drahtesel versuchen: Neun Seillän¬gen mit Schwiergkeiten bis an den V. Grad verlangen solides Kletterkönnen.

Lina fand die Fahrt prima, »fast wie Kino, nur nicht so laut«, meint sie. Paps muss für ein Foto vor der Lok posieren. Dann geht's durch Partenkirchen hinaus zum Olympiastadion von 1936. Das inter¬essiert Lina weniger als die moderne, hoch in den Himmel ragende Skisprungschan¬ze. »So ein riesiger Schuhlöffel, wow!« Paps widerspricht nicht. Hat ja auch 17

 

Millionen Euro gekostet, wie er weiß. Da war der Tunnelweg durch die Partnach-klamm garantiert deutlich billiger — und erst noch ein echter Hit. Findet Lina, die Fels, Wasser und knipsende Asiann ab¬lichtet. Hinter der Schlucht wird'.? dann entschieden ruhiger, die Partnach plät¬schert friedlich dahin und das Grds der Ausflügler ist verschwunden. Bei der Bockhütte — auf halber Wegstrecke —wird dann eine Pause fällig. Paps spen¬diert eine Brotzeit für beide.

Gestärkt nehmen sie die zweite Weg-hälfte in Angriff. Lina staunt über die Fels-kulisse des Reintals. Hinter der Quelle bei den sieben Sprüngen passiert der Hütten¬weg das Steingerümpel, ein Bergsturzge-lände am Fuß des Hochwanners. Dahinter geht's noch einmal kurz bergan, dann ist der Anger erreicht, und da steht sie, die Reintalangerhütte. Geschafft!

Paps ist stolz auf seine Lina und Lina auf sich selbst. Während ihr Vater seine Weiße und den Blick auf all die himmel¬hoch aufgetürmten Steine genießt, gräbt Lina ihr Buch aus dem Rucksack: »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer« von Michael Ende. Offensichtlich hat doch nicht jede Geschichte ein Ende —aber wenigstens einen Ende.

Paps lächelt. »Weißt du eigentlich, wo dein Dichter geboren wurde?« Lina schüttelt den Kopf. »Drunten in Gar-

misch-Partenkirchen.«





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